Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
751
 
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Er ging jezt, was er hätte ſchon früher thun ſollen, wieder mit müden Veinen nach Hauſe; vor Schlaf fielen ihm die Augen faſt zu. Als er an der Thüre ſtand, legte er das Ohr aus Schlüſſelloch und lauſchte. Vielleicht war der Wachtpoſten zurükgekehrt. Grauſame Enttäuſchung! Das Neſt war noch im mer leer, der Vogel ausgeflogen; das ganze Haus ſtill, öd' und leer. Herr L? lief nun nachgerade doch die Galle ein wenig über.Wie, wenn... ja ſo! Dummkopf, der ich bin!... So mit ſich hadernd, holte er den Schloſſer, wel cher mit Beiſtand eines Nachbars die Thür glüklich öffnete. Es ſchlug ſo eben elf Uhr auf dem Stadthauſe, als unſer ermüdeter Ferienreiſender ins endlich erreichte Vett ſtieg und auf der Stelle in tiefen Schlaf verſank.

(Beſchluß folgt.)

Komplimentirbücher einſt und jezt.

Es iſt für einen verſtändigen deutſchen Mann kaum begreiflich, wie es im lieben Vaterlande ſo viele alberne, haſenfüßige Geſellen gibt, daß ein Buch, wie das Komplimentirbuch von Alberti*) in ein Duzend Auflagen hat erſcheinen können, ohne die Nachdrüke und Nachbildungen zu rechnen. Indeſſen, nil novi sub sole! Da liegt ein dikes Buch von 1728 in der dritten Auflage vor mir: Die galante Ethica, in welcher gezeigt wird, wie ſich ein junger Menſch bei der galanten Welt ſowohl durch manierliche Werke, als komplaiſante Worte rekommandiren ſoll u. ſ. w. Zur Gemüthsergözung der Leſer wollen wir nur in einigen kleinen Veiſpielen den Unterſchied zeigen, wie, im Gegenſaze unſerer Zeit, die Zierbengel vor hundert Jahren in der Komplimentirkunſt unterrichtet wurden. Der jezige Meiſter läßt Damen in der Geſellſchaft alſo anreden:Sie erlauben, meine Damen, daß ich Ihagen meine Hochachtung bezeige. Dem heu tigen Tage bin ich beſondern Dank ſchuldig, da er mir das Glük beut, mich Ihnen nähern zu dürfen; genehmigen Sie daher, daß ich mich zu dem Kreiſe Ihrer Verehrer zähle. Eins der angeredeten Gänschen ſoll darauf antworten:Sie ſind uns ſehr willkommen, insbeſondere weil die weibliche Eitelkeit nicht Vereh⸗ rer genug haben kann; gewiß wird uns Ihre Unterhaltung, um die wir bitten, mehr noch als Verehrung, Bewunderung entloken Im Jahr 1728 lautete das graziöſeAnwerbungs- oder Viſitekompliment an eine Jungfer:Ich kann mich heute nicht wenig glüklich ſchäzen, indem ich die ſehnlichſt erwünſchte Oecaſſion, mit der Mademoiſelle in angenehmer Konverſation zu ſein, einmal erlangt habe. Jedoch, weil ich dieſes für das größte Plaiſir auf der Welt achte, Dero un ſchäzbarer Amitié gewürdigt und als ein treuer Diener von Ihnen angenommen zu werden, ſo wollen Sie meine Bitte laſſen Statt finden und durch Ihre gü⸗ tige Ordre Sich allzeit meiner ſchuldigſten Obſervanz verſichern. Oder:Ich gratulire mir, ſo glüklich zu ſein, Mademoiſelle meine ergebenſte Reverenz all⸗ hier zu machen. Alberti läßt ſo zum Tanz auffordern:Kann ich für dieſen Tanz die Ehre haben?(Verneigung.) Nicht wahr, ich bin ſo glüklich, mit Ihnen

7Neueſtes Komplimentirbuch oder Anweiſung, in Geſellſchaften und in allen Verhältniſſen des Lebens höflich und angemeſſen zu reden und ſich anſtän dig zu betragen de.(Quedlinburg, Baſſe).