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lüftete die Zimmer, machte vor Schlafengehen noch einmal die Runde durch alle Gemächer und flog darauf im Schlafzimmer des Rechtsgelebrten der Ruhe in Geſellſchaft der hochgelehrten Rechtsgelehrten Cajus und Ulpianus, Pepinianus und wie die Herren groß und klein mit der Endſylbe us, welche im römiſchen Rechte thätig waren, alle heißen mögen. Als die ſechs ſchönen Wochen der Ge— richtsferien wie im Fluge dahin gegangen waren, von wo ſie niemals wiederkeh— ren, mußte unſer Advokat dem Touriſtenleben im Gebirge Lebewohl ſagen; denn die Amtspflicht iſt eine ſtrenge Gebieterin, welche der Menſchen Liebhabereien und Freuden Spielzeug bei Seite ſchiebt, wenn ſie erſcheint. Unſer Reiſender hatte am Ufer der Bergſtröme Balladen gedichtet und ſich an den Felsklippen und ſchönen Ausſichten, welche der herrliche bearniſche Dichter Despourrins ſo trefflich beſang, das Herz erlabt; ſeine archäologiſchen Unterſuchungen waren zu einem erfreulichen Ziele gediehen, er trank aus allen berühmten Quellen, be— ſtieg und durchkroch alle Ruinenzelebritäten; doch jezt ſchlug die Stunde, welche ihn zu den Penaten zurükberief; er ſollte wieder unter den Lehnſeſſeln, welche zum Glük der Klienten in ſeiner Schreibſtube ſtanden, heimiſch werden, er ſollte wieder auf dem Advokatenſtuhle im Aſſiſenſaale ſchwizen und wieder wie ein Pen—⸗ del an Juſtitias Uhr hin und her gehen, vom Büreau in den Juſtizpallaſt und zurük. Die Ausſicht war ihm gar nicht erfreulich; indeß Noth lehet beten und der Beruf arbeiten. Der Advokat ruht zwar nicht auf Roſen; aber auch an den Dornen ſeiner Pflicht blüht ihm mitunter doch eine Roſe, an der er ſeine Freude haben kann. Und unſer Advokat war ein tüchtiger Anwalt: die Ferien der Muße und den Muſen; die Arbeitszeit dem Amte, hieß ſein Wahl—⸗ ſpruch und er fühlte ſich glüklich dabei.— Tags vor ſeiner Heimreiſe ſchrieb un⸗ ſer wandernder Advokat alſo an ſeinen Famulus und Haus hofmeiſter in Vor— deaux einen Brief, in welchem der dienſtbare Geiſt beauſtragt wurde, ſeinen Herrn und Meiſter zu der und der Stunde an der Poſt zu erwarten. Die Bot⸗ ſchaft wurde in den Briefkaſten geworfen, indeß, ich weiß nicht, welcher Gnom oder tükiſche Dämon dem Briefe einen Poſſen ſpielte; genug, er langte nicht zur erwarteten Friſt am Orte ſeiner Beſtimmung an.
Herr Lr zog nun in kleinen Tagereiſen von Bagneéres der Heimath zu; er ſah ſich in Toulouſe um und weilte in Agen und ſtieg endlich doch wie im Fluge aus dem Dampfboote zu Bordeaux am vorlezten Sonntag Abends mit dem Schlage acht Uhr ans Land. Die Sehnſucht trieb ihn mit raſchen Schrit⸗ ten der Wohnung zu; jezt war er da, doch nicht darin. Denn der Famulus war nicht zu Hauſe und alle Zimmer fand er ſorgfältig verſchloſſen. Was war zu thun? Unſer Advokat behielt ſeine frohe Laune vor wie nach; er ging in ein Hotel, ſpeiſte dort behaglich zu Nacht und fragte endlich, ob er ein Nacht— lager bekommen könne? Aber die Antwort lautete gar unerbaulich: ſämmtliche Zimmer, bieß es, ſeien von Reiſenden, welche zum Oktobermarkte angekommen, beſezt.—„Finde ich in einem Gaſthauſe kein Unterkommen, ſo finde ich's im andern; die Stadt iſt groß!“ dachte er und hatte ganz recht, d. h. was die Stadt betrifft; doch hinſichtlich des Unterkommens nicht. Er zog von einem Ho- tel ins andere: die nämliche Anfrage... die nämliche Antwort! Die Markt⸗ gäſte hatten alle Zimmer und Betten beſezt.„Der Teufel hole das Krämer— volk!“ brummte unſer Advokat; doch das brachte ihn auch nicht unter Dach und Fach.


