742 Stadt iſt mir unerträglich; die Bürde meines Schitſals wird mir zu ſchwer, ſie erdrükt mich. Friſche, freie Luft und Sonnenſchein thun mir Noth. Laßt mich in Frieden ziehen, laßt mich ſchweigen; ich bin niedergeſchlagen, gebrochen“, gren— zenlos unglüklich!“——
Die ganze Verſammlung ward durch dieſe wenigen, aber mit eindringli— cher Stimme geſprochenen Worte tief gerührt; dieſe Bewegung vermehrte jedoch Daniels Verlegenheit nur noch mehr. Gebeugt, dem Weinen nahe, trat er von der Tonne herunter. Der Präſident, der älteſte im Vettlerorden, winkte ihn zu ſich, nahm ihn mit väterlicher Milde bei der Hand, und ſagte:
„Sohn, im Namen Aller, die dich lieben, fordere ich dich auf: ſprich, was bekümmert dich? Was geht in dir vor, was haſt du?“—„Was ich ha— be?... ein großes Weh, Bruder.“—„Und worin beſteht es?“—„Denkt euch das Albernſte auf der weiten Welt, das Erſchreklichſte und Wunderlichſte zugleich nehmt dazu den Schmerz und den Wahnwiz des Unglüks und die Ver— zweiflung eines aufgeregten Gemüthes, macht daraus eine Geſchichte, ein Mähr— chen, ein Trauerſpiel meinetwegen... dann habt Ihr ein Bild von dem, was in mir vorgeht.— Freunde, ich ſchäme mich, es zu geſtehen, doch Ihr drängt mich, zur Antwort. Nun ſo wißt denn, ich bin verliebt, ich, der Bettler, verliebt in eine vornehme Dame, in eine Lady!“.
Ein anhaltendes, dumpfes Gemurmel erhob ſich in der Verſammlung; immer lauter ward die Bewegung des Unwillens auf der einen, des Mitleids auf der andern Seite; einige ſuchten das Ganze ins Lächerliche zu ziehen, an— dere meinten, die Sache ſei doch gar zu unbedeutend und verdiene durchaus nicht, mit ſolcher Wichtigkeit behandelt zu werden. Doch der Präſident gebot Ruhe
— und Daniel mußte wieder auf die Tonne. Er fuhr in ſeiner Rede fort:„Nicht wahr, Freunde, eine ſolche Liebe iſt eine Abgeſchmaktheit oder ein frecher Wahn— ſinn? Und doch finde ich keine Ruhe; ich muß ſie lieben, anbeten, ihr nachge— hen; mein ganzes Dichten und Trachten geht auf Lord Elmowds Wittwe, auf das ſchönſte, geiſtreichſte und liebenswürdigſte Weib in den drei Königreichen! Wahrlich, es ſteht dem heruntergekommenen Iren, es ſteht dem Bettler vor— trefflich, wenn er weinen und klagen, wenn er für eine Lady leben und ſter— ben möchte!— Ich wollte mir die tollen Gedanken aus dem Sinne ſchlagen; ſie vergeſſen... was wollt' ich Alles, und was hab' ich durchgeſezt? Ich that mir Gewalt an und wollte mich austoben; ich ging in Tavernen und Bierhäu— ſer, ich trank, ich betrank mich. Aber da taumelte ich vor vierzehn Tagen auch aus einem Saufhauſe fort und ſchlug in der Whiskyraſerei einen alten Freund, einen Armen, ein Klubbmitglied braun und blau!“—„Laß gut ſein, Daniel!“ rief ein alter Bettler,„ich hab' dir's nicht nachgetragen!“—„Dank, Patrik, Dank!... Aber nach jenem Rauſche legte ich bei mir einen Eid ab und ich ſchwur es vor dieſer ehrenwerthen Verſammlung, daß ich nun und nimmer wie— der einen Schluk Branntwein oder Bier in den Mund nehmen wollte, und ich hielt Wort! Doch der Brauntwein war der Zaubertrank, der mich über Welt und Menſchen, über Noth und Elend erhob, er war mir ein Troſt. Ich kann dies Leben nicht mehr aushalten, muß fort aus London, aus England; denn immer ſteht mir die engelgleiche Geſtalt des Weibes vor Augen, am Tage, wenn ich Almoſen ſammele, am Abend, wenn ich mich auf den Strohpfühl lege und Nachts, wenn ich leſen will und denken, ſtets und allenthalben, ſelbſt jezt ver—


