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auf das Abgeſchmakteſte führen muß, davon geben die Gedichte eines Karl Schimper, die unlängſt(bei Enke in Erlangen) erſchienen, wirklich rührende Veweiſe. Man kann annehmen, die Rü— ckert'ſche Manier mit ihren arabiſchen, perſiſchen, türkiſchen Spielereien und ungereimten Reim-Uebertreibungen ſei hier abſichtlich perſiflirt und dann mag das Buch von 346 Seiten als Perſiflage ſeine Geltung haben; aber ſie iſt dann doch zu lang und langweilig u. zuwei— len entſchieden widerlich, wie in Fol— gendem,„Technik und Nomenklatur“ überſchrieben.
„Viel Zartes wird gehakt
Und mit gerührtem Blut
In langem Darm gepakt
Mit einer Sprä ze gut,
Denn der gebund'ne Brei,
Der heißt bei Leibe nicht Geſchnürte Schweinerei,
Der heißt dann eine— Wurſt.“
Das geht direkt gegen Rückert, aber vor dieſer Art Angriff braucht er ſich nicht zu fürchten, der richtet ſich durch ſich ſelbſt. Mit ſolchen. Würſten ſchlägt ſich unſer poetiſcher Wurſtmacher ſelbſt in's Geſicht.— Karl Beck's Drama, „Saul“, kam bekanntlich nur einmal in Ppeſth, des Dichters Vaterſtadt, zur Aufführung; jezt iſt es in Leipzig im Druk erf ienen und wird ſich wahr— ſcheinlich eines größeren Beifalls, als auf der Bühne, zu erfreuen haben.
Mlignon-Zeitung. Stettin. Die Illumination des Schneiders in Berlin mit ſeinem Trans—
parent:
„Unter Deinen Flügeln
Kann ich ruhig bügeln!“ iſt als ein großer, merkwürdiger Wiz, obwohl er eigentlich von Wien abſtammt, durch faſt alle europäiſchen Zeitungen gewandert. Auch hier in Stettin trug ein Schneider den Triumph davon, am wizigſten illuminirt zu haben. Unter
den transparenten Schneider-Werkzeu—⸗ gen las man: „Heute wird nicht zugeſchnitten, Nicht gebügelt, nicht genäht; Auch nicht auf dem Bok geritten, Wie ſo mancher Sünder wähnt. Heute wird nur jubiliret, Weil ein großer König da! Drum hab' ich illuminiret: Er leb' hoch! Victoria!“ Man meint, weil die Schneider mit ſo vielen ſpizigen Sachen zu thun hätten, bekämen ſie vorzugsweiſe das Talent des Wizes, der auch mit Spizen zu thun hat.
Brüſſel. Die Kinder des Kö— nigs Leopold werden im katholiſchen Glauben erzogen. Die Taufe erfolgt in Gegenwart des Bürgermeiſters in Laeken, der als Zeuge den Taufſchein. unterzeichnet und das Kind ins Kirchen— Regiſter eintragen muß. Der Bürger— meiſter iſt aber ein Jude; der Erzbi⸗ ſchof von Mecheln, der das Privilegium hat, die Kinder des Königs zu taufen, iſt ein Katholik; der König ein Prote— ſtant. So iſt der Taufſchein des Kron— prinzen von Belgien von einem Katho—⸗ liken, einem Proteſtanten und einem Juden unterzeichnet.
Athen. In Griechenland geht es mitunter noch ſehr ultratürkiſch her. Die grauſame Behandlung eines Be— dienten durch die hieſige Gendarmerie, der er als des Diebſtahls verdächtig übergeben worden war, bildete mehrere Tage lang den Gegenſtand des allge— meinen Geſprächs. Die Gendarmerie ſuchte den Unglüklichen durch Marter— inſtrumente, die ſie ihm anlegte, zum Geſtändniß zu bringen. Er fand endlich Gelegenheit, ihren Händen zu entfliehe und ſich in die Wohnung des türkiſchen Geſandten zu flüchten. Da er türki— ſcher Unterthan iſt, ſo hat Hr. Muſ—⸗ ſuris von der griechiſchen Regierung Genugthuung u. Garantie für die Be⸗ handlung der türkiſchen Unterthanen in Griechenland verlangt. Klingt das doch wie Satyre! Der Türke verlangt


