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nale, das Sextett und die ſogenannte Brief⸗Arie im zweiten Akte, lernten uns dieſe reichbegabte Künſtlerin als eine Geweihte ihres Tempels kennen. Nach dieſer Arie wurde Delle. Carl mit Enthuſiasmus gerufen, welches viel ſagen will, da die Vorſtellung an einem Sonntage Statt hatte, wo die Maſſen im Schauſpielhauſe nicht eben der Mu— ſik wegen ſich einzufinden pflegen. Aber das Großartige, das Vortreffliche bricht ſich auch Bahn durch die laute Stim— mung eines Sonntags-Publik ums. Nor— ma und Donna Anna geben, gerade durch ihre divergirende Nichtung, einen um ſo beſſeren Maßſtab für das Kunſt— vermögen einer Sängerin, die jede die— ſer Rollen mit gleicher Vollkommenheit durchführte. Wir ſehen nun mit um ſo geſpannterer Erwartung dem ferneren Gaſtſpiele der Dem. Carl entgegen, welches die Aufmerkſamkeit unſers kunſt— verſtändigen Publikums in hohem Gra— de in Anſpruch nimmt.“
Berlin. Wir haben nun auch Auber's Oper:„Der Feenſee“ gehört und geſehen, denn das Sehen ſpielt hier im höchſten Grade mit, da das Werk, beſonders in Hinſicht auf die von C. Gropius gemalten Dekorationen, durch die General-Intendanz der kö— niglichen Schauſpiele in der geſchmak— und inhaltvollſten Pracht ausgeſtattet worden iſt, mithin die bloße Schauluſt ſchon anmahnt, davon Kenntniß zu nehmen. Das Sujet gibt zu ſolchem Puze natürlich den Anlaß u. es iſt zu ſeinem Zweke geſchikt genug behandelt, woge— gen freilich die Muſik in den Hinter— grund tritt. Der Komponiſt hat ſich denn auch nur mit Vereinzeltem hervorge— than, und hier manches Geglükte gege⸗ ben, das von Neuem für ſein Talent ſpricht, wenn wir auch ſagen müſſen, daß er mit ſeinem Ruf etwas leichtfer— tig umgeht. Es laſſen ſich mehrere Num— mern als vorzüglich bezeichnen u. über⸗
all bemerkt man, daß, wenn von au— genbliklicher Wirkung die Rede, Au- ber die Sache gut anzugreifen weiß. In der Ausführung machen ſich am gel— tendſten die Herren Mantius(Albert) und Zſchieſche(Graf Rudolph), ſo wie Dem. Schulze(Zeila).— Char lote v. Hagn, zurükgekehrt von ihren Gaſt— ſpielen, mit denen ſie in Nürnberg und Peſth höchſt willkommen war, was man der Künſtlerin mit vollen Häuſern und dem vollſten Beifall kund gab, iſt als Ophelia bei uns wieder auf der Bühne erſchienen, lebhaft begrüßt und geru— fen. Wir hoffen nun nicht allein den „Hamlet“ wieder öfter auf dem Reper— toir zu finden, ſondern auch manches andere ältere Werk neben den neueren Stüken, worin ihre Meiſterſchaft glänzt. — Hr. Wild, vom k. k. Hofopernthea— ter in Wien, gaſtirt auf der Königſtäd— tiſchen Bühne. Seine erſte Parthie war „Sever in„Norma“, womit er bewies, daß die Zeit ihm zwar Einiges genom— men, er ſich aber Erſaz zu verſchaffen wußte in künſtleriſchen Hilfsmitteln, die ſeinen, noch immer ausgezeichneten Ge— ſang zugleich durch vortreffliches Spiel unterſtüzen. Das Publikum ſprach in Beifall u. Hervorruf die verdiente An— erkennung aus und wir freuen uns, ihn noch in mehreren u. bedeutenderen Parthien hören zu können.
Literatur.
Literariſches Port fol io. Rückert wird immer ein großer Dichter bleiben, auch wenn drei Viertheile ſei⸗ ner Gedichte als unpoetiſch und for— melle Seil tänzerſtükchen vor Kritik und Geſchmak wegfallen. Ja es wäre ein Gewinn für ihn, wenn ein klarer, poe— tiſcher Geiſt ſeine wirklichen Gedichte auswählte und in einem Bande heraus- gäbe. Wie aber die Manier, in die Rückert verfiel, in ihrer Konſequenz


