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Anſichten. Urtheile. Pegebniſſe.
Theater.
Peſt h.(Neue Stüke.) Am 10. d. wurden uns zwei Novitäten vor— geführt Die erſte, ein Schauſpiel:„das lezte Bild“, von der gewandten, büh— nenkundigen Feder Koch's dem Franzö— ſiſchen nachgebildet, verdient wohl, we— gen ſeines guten Dialogs, der effekt— vollen Situationen u. des überraſchen— den Endes in vollem Maaße den Bei— fall des Publikums. Erſchütternd iſt der Moment am Schluſſe des 1. Aktes, wo der Maler, immitten ſeiner heiter— ſten Hoffnungen für die Zukunft, plöz— lich erblindet. Im 2. Akte, welcher ein Jahr ſpäter ſpielt, ſehen wir, troz der Blindheit des Gatten, einen Wohlſtand und Ueberfluß im Hauſe; aber einige unvorſichtige Reden ſeines Dieners, ſo wie die öftern heimlichen Entfernun— gen ſeiner Gattin bei Nacht u. Nebel, erregen ſeine Eiferſucht im höchſten Gra— de. Sich um ſein Lebensglük betrogen fühlend, beſchließt er ſich vom Fenſter zu ſtürzen; da erſcheint ſeine Gattin und das Räthſel iſt gelöſt; ſie, die früher blos in Konzerten Proben ihres Geſangtalentes gab, iſt nun die gefeier— te Sängerin der Oper, u. darum ihre nächtlichen heimlichen Entfernungen; ſie hat jezt die Mittel in Händen, ihrem Gatten durch einen tüchtigen Opera— teur das Augenlicht zu ſchaffen. Wir erſehen hieraus, daß die Idee des Stü— kes ebenſo originell, als die Handlung, obwohl plauſibel durchgeführt, dennoch überraſchend iſt. Die Moral des Stü— kes lehrt, daß man einer liebenden Gat— tin, troz verſchloſſenen Augen, trauen darf.— Die zweite, ein Luſtſpiel:„der Bräutigam als Botaniker“ von Herlos— ſohn, gehört mehr in die Kathegorie der Poſſe, und wir müſſen geſtehen, daß wir herzlich gelacht haben; höhern An—
forderungen entſpricht es jedoch keines— weges. Die Intrigue iſt zu wenig ſinn— reich angelegt, und die Schürzung des Knotens geſchieht auf eine etwas unwahr— ſcheinliche Art.— Mad. Orill gab im erſten Stüke die liebende, aufopfernde Gattin, ſo wie im zweiten das nekiſche, muthwillige Mädchen mit einer an ihr gewohnten Vollkommenheit und Meiſter— ſchaft; ihre bloße Erſcheinung auf den Brettern wirkt ſchon wohlthuend auf das Publikum. Hr. Dietrich(Maler) verbreitete eine lebenswarme Fülle über ſeine Darſtellung und war beſonders in den Momenten der heftigen Gemüths— bewegung ausgezeichnet. Hr. Kalis gab den Marquis mit einer frappanten Zeich— nung. Beide Stüke wurden vom Pu- blikum ſehr günſtig aufgenommen. dr Wite n. Ueber die zweite Gaſt— rolle Dem Carl, als Donna Anna, im k. k. Hofoperntheater in Wien, ſagt der „Wanderer“:„Dem. Carl hat für ihre Leiſtung in dieſer Rolle einen gro— ßeu Ruf mitgebracht; das kunſtverſtän— dige Paris huldigte ihr darin, u. zwar in der Umgebung der muſikaliſchen Be— rühmtheiten des italleniſchen Theaters. So ſehr Wien befähigt iſt, ein ſelbſt— ſtändiges Urtheil abzugeben: hier kann es nur das Echo der Pariſer ſein. Schon der großartige, ſeelenvolle Vortrag des Entree-Recitativs und das darauf fol— gende Duett zeigten uns die gediegene, von ihrer Aufgabe innig durchdrungene, ſie ganz beherrſchende Künſtlerin, wel che jeder Note ihr Recht widerfahren läßt, die Koloratur mit Geſchmak und immer am rechten Orte anwendet, und von dem ſeltenen Umfange ihrer Stim— me, welche drei Oktaven umfaßt, im⸗ mer den zwekmäßigſten Gebrauch macht. Die Arie des erſten Aktes, das Quar⸗ tett, das Terzett der Masken im Fi⸗


