Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
729
 
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mer mit Sanſon, dieſem thätigſten aller Scharfrichter, die vielleicht jemals gelebt haben, u. gewiß nicht mit Unrecht; man ſollte überhaupt mehr Biographiſches über dieſe merkwürdigen Männer vier ter und fünfter Ordnung ſammeln, die ihre Namen an große Begebenheiten der Weltgeſchichte, ſei es auch nur als In ſtrumente Anderer, hefteten. Hiſtorie und Pſychologie würden bedeutend da bei gewinnen.Noch vor nicht langer Zeit, erzählt ein junger Schriftſtel ler,ward man, wenn man an ein Haus, das keine Nummern trug, in dem Marais, dicht hinter dem jezt ab gebrannten Diorama, klopfte, von ei nem ältlichen Manne empfangen, deſſen Züge viele Aehnlichkeit mit denen Lud⸗ wig XVI. gehabt haben ſollen. Der ältliche Herr war gegen ſeine Beſucher ungemein höflich, und beantwortete gern und ohne Rükhalt alle an ihn gerich⸗ teten Fragen. Es machte ihm beſon ders Vergnügen, den Fremden ſeine Bi⸗ bliothek zu zeigen, und ließ er ſich in ein weitläufigeres Geſpräch ein, ſo be theuerte er eifrig, wie er die Hälfte ſeines Vermögens darum geben möchte, könnte er noch die Abſchaffung der To desſtrafe erleben Dann ging er mit dem Gaſte in ſein Muſeum, end zeigte ihm dort das Modell einer Guillotine, in Mahagony gearbeitet, das erſte, das von ihrem Erfinder verfertigt wurde, und ein breites, kurzes Schwerdt. Dem Modelle der Guillotine fehlt noch viel von der furchtbaren Schnelligkeit, die ſie ſpäter den damaligen Machthabern empfahl. Das Schwerdt iſt daſſelbe, mit welchem früher Edelleute, die nach den Sazungen der alten Monarchie nicht an den Galgen kommen konnten, ent hauptet wurden. Hierbei wies Sanſon immer auf eine breite Scharte an dem Schwerdte hin, und erzählte dabei: Zu meines Vaters Zeiten hatten die Hofherren das Recht, während der Exe

kutionen auf dem Schafſotte ſelbſt zu ſtehen, und ſich die Hineichtung ganz in der Nähe zu betrachten. Als Herr von Lally*) enthauptet wurde, faßte ein junger Mann meines Vaters Arm, der Hieb ging ſchief, und das Schwerdt ward an einem Knochen ſchartig. Mehrere Blätter berichten, Herr Mon talivet, Pair von Frankreich und In tendant der Civilliſte des Königs der Franzoſen, habe Herrn Charles Mur ray, Sekretär der Geſellſchaft der Freun de unglüklicher Fremder angezeigt, Se. Majeſtät König Ludwig Philipp wolle ſich den Veförderern dieſer, einem edeln und gaſtlichen Zweke gewidmeten Ge ſellſchaft anſchließen. Gerade jezt, wo in Frankreich ein ſo unerquiklicher Lärm mit Krieg getrieben wird, iſt je ner Entſchluß nicht ohne Bedeutung; er beweiſt, wie gern der König perſön lich mit ſeinen Nachbarn jenſeits des Kanals in freundlichem Einverſtändniſſe zu milden Zweken ſich verbinden mag, die nur gedeihen können, wenn unru hige Ruhmſucht nicht der Welt die Segnungen des Friedens entzieht.

*) Herr v. Lally, Vater des bekann- ten Lally Tolendal, der ſpäter ei ne ehrenvolle Rolle ſpielte, war Generallieutenant, ſtand in Indien mit einem Heere den Engländern gegenüber, und übergab Pondichery, den Reichs feinden. Nach Frankreich zurükgekehrt, verurtheilte ihn ein Kriegsgericht zum Tode, den er 1766 erlitt. Eine ſpätere Reviſton des Prozeſſes aber batte zur Fol ge, daß er für unſchuldig erklärt wurde. In Memoiren aus jener Zeit wird erwähnt, daß Lally, in feiner Jugend einer der übermü⸗ thigſten Hofleute, einſt in ein Haus gedrungen ſei, aus dem Ballmuſik ertönte; dieſes Haus war das des Pariſer Scharfrichters, u. er tanz⸗ te dort lange. Beim Abſchiede zeig⸗ te ihm ſein Wirtb jenes Schwerdt, mit dem Adelige hingerichtet wur⸗ den.