Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
727
 
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IX.

Maroto ließ den Tod der Verurtheilten beſchleunigen, und damit die Sonne die Blutopfer nicht ſehe, welche er der verkannten Sache zu bringen gewillt iſt, ſo befahl er noch vor Tagesanbruch das Urtheil zu vollſtreken. Garcia ſollte der Erſte auf den Richtplaz ſchreiten. Der ſchlaftrunkene Kerkermeiſter und die Wächter erkannten in der Dunkelheit die verkappte Jungfrau nicht, die, bevor noch Pater Marco zurükkehrte, und die ganze Sache dem das Urtheil vollziehenden Offizier zu wiſſen machen konnte, bereits zu leben aufgehört hat.

Adolf v. Frankenburg.

Die verlorene Frau.

Vergangenen Sonntag, am 13. Sept., zwiſchen 10 und 11 Abends, iſt die geliebte Gattin des Schneiders Stahle verloren gegangen. Dieſe Frau, von recht hübſchem Wuchs, iſt weiß wie Milch, mit blauen Augen, einer kleinen Naſe à la Roxelaue und einem Haar vom blendendſten Rabenſchwarz. Sie trägt ein granat farbiges Kleid, einen kleinen roſa Hut mit Blumen, einen hellgrünen Shawl und hört auf den Namen Sara. So weit für das Phyſiſche. Sie iſt lebendig, luſtig, zum Lachen und Tanzen aufgelegt, wenn das Wetter heiter iſt; ſie wird mürriſch, melancholiſch, träumeriſch und ſtörrig, wenn die Luft ſchwer iſt. Dies für das Moraliſche. Der Schneider Stahle bittet die wohlwol lende Perſon, welche ihr Gaſtfreundſchaft gewährt, ſie in das eheliche Haus zurükzuſchiken, nachdem ſie ihr einen ſtreugen Tadel zukommen laſſen. Wenn ſie noch längere Zeit fortbleibt, wird ihr der Eintritt in's Haus unterſagt.

Stahle, Schneider.

NB. Demjenigen, welcher die oben bezeichnete Gattin zurükbringt, garan tirt man 200 Gulden Belohnung oder einen vollſtändigen Winter-Anzug, nach ſeiner Wahl.

Wie man denken kann, verfehlte dieſe Anzeige, in der Zeitung einer deutſchen Hauptſtadt zu leſen, nicht, die Neugier zu erweken. Man fragte ein ander von allen Seiten, wer dieſer Schneider Stahle ſei, wo er wohne, wo, wann, wie er ſich verheirathet, ob ſeine Frau auch ſo hübſch wäre, als die An zeige vorausſezen laſſe, und andere Einzelnheiten über ſein häusliches Leben. Bald beſuchte man ſeine Werkſtatt. Die Neugierigſten mußten ſich von ihm ſel ber beſtimmte Belehrung verſchaffen. Mancher Banquier kam, beſtellte ſich einen Ueberrok und that eine Frage; mancher Bürger lief hin, um ſich die Umſtände des Verſchwindens auseinanderſezen und das Maaß zu einem Paletot nehmen zu laſſen; mancher luſtige Student unterrichtete ſich über die geheimen Sympathien des entführten Engels und beſtellte ein Paar neue Beinkleider. Mit einem Wort, Jeder wollte, daß der Schneider ihn aufklärte und nach Möglichkeit das Ding überſchauen ließe; Alles lief über Erwarten glüklich ab. Man laß indeß ſpäter in einem Vlatte: die Geſchichte des Schneiders Stahle ſei ein Mährchen, oder vielmehr ein Puff, um einem neuen Etabliſſement Kundſchaft zu verſchaffen. Man fügte hinzu, daß der unterzeichnete Induſtrieheld die Zeit, welche er da⸗ zu brauchte, jenes kleine Meiſterſtük iu Umlauf zu bringen, nicht fruchtlos an⸗