Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
703
 
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703 trauen, die heilige Jungfrau wird uns vor jeglicher Gefahr beſchirmen. Der Balſam des Schlafes wird die kranke Seele meiner lieben Elvira heilen, ſie ſchlummere ſanft und ruhig. Alſo ermuthigte die gutherzige Duenna Elvi ren, indem ſie kaum ihre eigene Unruhe verbergen konnte, welche weniger die Folgen ihrer böſen Ahnungen, als des anſtekenden düſteren Weſens ihres Zög⸗ lings war, das empfänglicheren Stoff bei Betagten findet.

Die Nachtlampe verbreitete einen ſanften Schein in dem mit keiner ver ſchwenderiſchen Pracht, aber zierlich und geſchmakvoll möblirten Zimmer. Die Duenna begab ſich zu Vette und hat bald darauf ihre Unruhe in einem ziemlich hörbaren Schlafe vergraben.

Elvira konnte nicht ſchlafen. Hals und Bruſt an Weiße dem Schnee an den Spizen der Pyrenäen gleichend, und den durch das Reiten gekräftigten Kör- per, der aber dabei keineswegs ſeine feinen und zarten Formen einbüßte, ver⸗ hüllte die ſeidene Deke neidiſch vor dem ſchwachen Lampenſchimmer; man konnte nur einen Theil ihres Antlizes und Köpfchens ſehen, welches von den wallenden Loken ihres Rabenhaa res umfloſſen, ſich ſanft in das ſchwellende Kiſſen drükte: die Glut ihrer großen ſchwarzen Augen verbargen zwar die geſchloſſenen Wim pern, aber die wiederholten Seufzer bezeugten, daß Angſt und Beſorgniß ihren Schlaf verbannten. Sie glich einem Seraph, in ihrem Engels-Antlize war eine Ergebung ſichtbar, welche bezeugte, daß ſie bereit ſei, den Allmächtigen im Staube anzubeten, aber auch zugleich das ſtrenge Gericht, das ſein gerechter Zorn über ſie verfügte, ohne Murren zu ertragen. So war Garcia's ein zige Tochter. Nachdem ſie ihre Mutter frühzeitig verloren, hat ſich mit ihrer Erziehung, außer Camilla, noch ihr kriegeriſcher Vater beſchäftigt, und dies mag die Urſache geweſen ſein, daß in Elviren mit der unbegränzten kindlichen Zuneigung zu ihrem Vater, und der weiblichen Zartheit, die ein Erbtheil ihrer franzöſiſchen Mutter geweſen, dann der reinen, tiefen Gottesfurcht und der erhabenen Vaterlandsliebe, eine gewiſſe Männlichkeit und ritterlicher Geiſt ge⸗ paart waren.

V.

Der Tag, deſſen Morgenröthe Elviren ſchlaflos fand, neigte ſich zu Ende. Die Strahlen der ſcheidenden Sonne vergoldeten die unüberſehbare Kettenreihe der ſchneebedekten Pyrenäen, und rötheten den Saum der über denſelben ſich thürmenden Wolkengruppen, beren purpurner Wiederſchein den gleichfalls mit ei⸗ ner Schneekruſte überzogenen Thäler der Ega einen zauberiſchen Glanz verlieh. Nur ſelten wurde die Stille durch das Geräuſch der Raben, welche von den flokigen Baumäſten aufflogen, oder den Anruf einzelner, während dem Her umſtreifen auf einanderſtoßenden Carlos'ſchen Truppen, oder gar durch das Ge wehrfeuer, welches die zerſtreuten Wächter zur wechſelſeitigen Ermunterung unterhielten, unterbrochen. Auf dem ſtraks neben dem Ufer der halbzugefrore nen Ega nach Eſtella führenden Wege jagten zwei Reiter mit verhängten Zü⸗ geln dahin. Ihr Weg war eilig, gleichſam als gälte es ein theures Leben vom Tode zu retten und den Tod ſelbſt in ſeinem raſchen Laufe zu hemmen. An jeder Minute hing ein theures Leben, und damit auch keine einzige verloren gehe, ſo mußte die Stimme der heißeſten Liebe und der faſt unbegränzbare