Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
702
 
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Feldarbeiten ungeſäumt beſtimmt werden ſollte. Schweigend ſezte der Zug ſeinen Weg nach Eſtella fort, über deren Ningmauern ſich eine dichte Schneedeke breitete. Die erzenen Kuppeln ihrer ſchlanken Thürme ſchimmerten zuweilen aus dem abendlichen Rauchnebel hervor, der wie ein fürchterliches Geſpenſt über der Stadt lag.Maroto v. Garcia, ſagte der Führer der kleinen Schaar, als er vor den inneren Baſtionen aulangte, und die Fallbeüke ſank geräuſch voll nie⸗ der, auf welcher Garcia mit ſeinen Begleitern in die Stadt zogen.

Die Brüke wurde wieder aufgezogen, die ſchweren Thorflügel drehten ſich knarrend in ihren Angeln und die maſſiven Riegeln wurden raſſeind vor die Oeffnung geſcho ben. Garcia war Maroto's Gefangener. Der Kriegsrath wird ſich zwar verſammeln, aber Garcia wird nicht zur Berathung gerufen werden, ſon dern als Gefangener vor Maroto's Kriegsgericht ſtehen, das über ihm den Stab brechen wird. Nachdem man ihm ſeine Waffen abgenommen hat, wurde ihm ein ſchmuziger Winkel im Erdgeſchoſſe des Feſtungsarreſtes angewieſen, wohin außer dem Gefängnißwärter nur Pater Marco zum Beſuch zugelaſſen wurde.

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Ich fühle ein ungewöhnliches Herzklopfen, Camilla, ſeit mein Vater fort iſt, ſagte Elvira, Garcia's daheimgebliebene Tochter, nach dem Abendgebet zu ihrer alten Duenna.Die Geburt unbegrenzter kindlicher Liebe und Zunei⸗ gung, welche bei Don Garcia's Rükkehr ſchwinden wird, entgegnete die herum⸗ trippelnde Duenna, ihr Gebetbuch auf den Betſchemmel zu den Füßen des Er löſers legend.Ach, wenn meine Angſt nur nicht länger anhielte, ſeufzte Elvira.Sonſt bebte nie mein Herz vor eitlen Schrekgebilden, noch immer fand ich im Gebete jene innere Veruhigung, welche das aufgeregte Gemüth in ſeiner Unterredung mit dem Himmel zu ſuchen und zu finden gewohnt war. Nicht alſo iſt es heute! ich fürchte, daß mein Vater weder heute noch morgen zurükkeh ren wird: eine Ahnung, die ich nicht zu unt erdrüken vermag, ſagt es mir. Oefters ſchon ging er von dannen, ſeine tapfere Schaar zum Kampfe führend, und ich, ein zartes Mädchen noch, ſah dem Dahineilenden mit thränenleeren Augen nach, freudig harrend auf den Augenblik des Wiederſehens, wo er mit Lorbeern gekrönt ſeine kleine Elvira an die Bruſt drüken wird. Doch ging er auch jezt nicht in die Schlacht, ſo erfüllen mich dennoch düſtere Ahnungen: denn eine geraume Zeit ſchon war er traurig und nachdenkend, und gab ſich auch ſein Gram nicht in Worten kund, ſo umwölbte er doch ſeine hohe Stirne. Ach, und jene ungewöhnliche Aufregung, als er mich bei ſeiner plözlichen Entfernung um armte! Camilla, die heilige Jungfrau beſchüze meinen Vater!Die hei⸗ lige Jungfrau beſchüze ihn, wiederholte die in ihrem zierlich geſchnizten Arm ſtuhl ſich andächtig aufrichtende Duenna,und verſcheuche die trüben Ahnungen und eitlen Veſorgniſſe meines theuren Zöglings. Ging er denn nicht nach Eſtel la, wo ihn Diego gewiß beſchüzen würde, ſollte unerwartetes Unglük ſeinen Scheitel bedrohen, ſezte ſie mit ſelbſtzufriedenem Lächeln hinzu.Diego! fiel ihr Elvira ins Wort;ja, Diego würde ihn beſchüzen, wenn er in Eſtella wäre. Aber weiß denn meine gute Camilla nicht, daß ich ſchon ſeit Langem keine Nachrichten von Diego erhielt, was meinen Kummer nur noch mehr vermehrt? Allerdings iſt es wahr, daß der Aufenthalt des Soldaten, beſonders in ei ner ſo ſturmbewegten Zeit, unbeſtimmt iſt. Aber laßt uns dem Himmel ver⸗