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Der Hut iſt darch die Form und Art, wie man ihn trägt, ein Haupt- kenntzeichen beim Studium des Kopfes und Herzens. Wer ihn auf einem Ohre trägt, iſt burſchikos oder ein Poltron; wer ihn im Naken trägt, iſt ein Flach⸗ kopf oder was man in der Handwerksburſchenſprache einen Bruder Stromian nennt; wer ihn tief ins Geſicht rükt, hat entweder kein gutes Gewiſſen oder iſt ein mokanter Menſch; wer ihn auf der Straße in der Hand trägt, iſt ein eit⸗ ler Menſch. Wer immer einen neuen, ſauber gehaltenen Modehut trägt, iſt ein ordnungs liebender Kleingeiſt: wer hingegen einen ſpizen Hut mit breiter Krempe, kurz wer einen Hut nach ſeiner Weiſe trägt, iſt entweder ein origineller Kopf oder ein Sonderling oder ein eitler Gek, der auffallen will.
Das Haar.— Langes ſtruppiges Haar, das Kragen und Schultern be⸗ ſchmuzt, läßt auf einen Philoſophen, ein zerlumptes Genie, einen Murrkopf oder einen Schneidergeſellen ſchließen. Tänzer, Friſeurs, Kommis, Flachköpfe und Modenarren tragen ſauber gekämmtes, rundgeloktes, geöltes, gleich oder ſchief geſcheiteltes Haar, treu nach den Modellen im neueſten Modejournal. Der Soldat außer Dienſt, der Poſtillon und der Schauſpieler(2) tragen einen Tit us⸗ kopf; der Friſeurgeſell, der Student, der Kellner u. ſ. w. gewöhnlich das Haar à la jeune France. Emporſtehendes Haar läßt mitunter auf feſten Willen oder auch Eigenſinn, flachanliegendes weiches Haar auf Gutmüthigkeit und Phlegma und friſirtes Haar faſt immer auf Genußſucht ſchließen. Kahlköpfigkeit deutet auf vieles und angeſtrengtes Arbeiten mit dem Kopfe; doch, wohl zu merken, kämmt der Mann ſein Haar ſorgfältig von hinten nach vorn, ſo iſt ſelten viel dahinter. Greiſes Haar vor der Zeit deutet auf Menſchenhaß oder erlittene Schikſale, phyſiſche oder geiſtige Leiden oder auf übertriebene Genußſucht. Wer noch in ſpätem Alter ſtarkes und die natürliche Farbe bewahrendes Haar behält, der iſt vielfach ein energiſcher Geiſt, welcher ſteten Seelenfrieden bewahrt hat und von dieſen Leuten heißt es in der Schrift:„Ihrer iſt das Himmelreich.“
(Beſchluß folgt.)
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Menue Medizin..
Wenn der Doktor nicht helfen kann, ſo rettet zuweilen noch ein Genie— ſtreich, ein Fläſchchen geſunder Menſchenverſtand aus der Haus-Apotheke. Die Aerzte können Einen zwar manchmal wieder auf die Beine bringen, aber dem armen Schelme, der ausſieht im Geſichte wie Buttermilch, dem Dürren, Troke⸗ nen, Siechen können ſie keine geſunde Farbe, kein Fleiſch auf die Rippen ver⸗ ſchreiben. Wenn's die Aerzte nicht können, vielleicht können's die— Wollen⸗ Manufakturen. Ja, die Wollen⸗Manufakturen werden offiziell, ein Stük Apo⸗ theke. J. B. Thomſon hat nämlich die Bemerkung gemacht, daß unter allen Fabrikarbeitern nur die in Wollen⸗Spinnereien beſchäftigten geſund und roth⸗ bakig ausſehen und, wenn ſie ſiech und dürr darin angeſtellt werden, bald rothe Baken und wohlige, fleiſchige Muskeln bekommen, während die andern Fabriken das rothe, friſche Fleiſch bleichen und dörren. In England ſoll's auch ſchon Mode ſein, daß hohe Familien, wenn ſie ihre Töchter zur Siechheit, Bleich⸗ und Schwindsucht erzogen haben, dieſe armen Opfer ziviliſirter Erziehung in Wollen⸗Manufaktu ren beſchäftigen laſſen, wo ſie dann auch nach ein Paar Wo⸗


