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mit dem Dialoge; mit der Handlung oder originellen Schürzung des Knotens jedoch ſehr wenig zu wirken ver ſteht, gewann einen friſchen, grünenden Zweig in dem Verfaſſer, welcher um ſo mehr Nükſicht verdient, als zu keiner Zeit das Publikum leichter und die Kri— tik ſchwerer zu befriedigen iſt, als ge— genwärtig. Je ſchlaffer die Saiten des natürlichen Geſchmakes einerſeits ge— ſpannt ſind, deſto ſchärfer und höher zieht man andrerſeits auf. Eine andere eben ſo anziehende Novität des Burg— theaters war Devrients nach Souveſtre bearbeitetes Stük:„der Fabrikant“, ein Werk, das den franzöſiſchen Ur— ſprung nicht verläugnend, durch die bühnenkundige Feder Devrients, die die Schärfen und Extravaganzen des Ori— ginals im milden Lichte darſtillte, nur gewinnen konnte. Das erwähnte Schau— ſpiel, deſſen einzelne Charaktere, wenn auch nicht naturgetreu u. pſychologiſch durchgeführt, doch einen mächtigen He⸗ bel— nämlich das Eingreifen in das Gemüth des Zuſehers mit einem war— men Dialoge für ſich hat, entſprach— gehoben noch dazu durch den höchſten Typus der Meiſterſchaft aller mitwir⸗ kenden Darſteller, wie ſelten eine neuere Novität— dem Geſchmake des Publikums und dürfte ſich längere Zeit am Reper— toire erhalten. Das Operntheater führ— te eine neue Oper in dem Kranze der Harmonienwelt, die um ſo mehr alle Würdigung verdient, als es eine auf dem urkräftigen Boden Deutſchlands entſproſſene Oper iſt. Sie betitelt ſich: „Alfred“ u. war vom Kapellmeiſter des Kärnthnerthortheates, Wilhelm Reu— ling, komponirt Was die Oper betrifft, ſo iſt ſie eine jener wenigen Opern, die ſowohl den Muſik praktiker als Theore— tiker nicht unbefriedigt läßt— eben ſo melodienreich, als auch den Regeln des ſtrengen gebundenen Sazes entſprechend, wird ſie durch die dem Sänger zur Aus—
zeichnung fähigen Parte, überall ihren Anwerth finden. Direktion, Libretto, Ver faſſer und Kompoſiteur thaten voll⸗ kommen das Ihrige und dürften wir mit Jemanden rechten, ſo wäre es le— diglich das Publikum, welches in neue— rer Zeit durchaus nicht, das medium tenuere beati beherzigt. Es bilden ſich förmliche Varteien, ſowohl die Darſteller ſelbſt, als das Muſikgenre betreffend. Die eine huldigt nur dem italieniſchen, die andere dem deutſchen Rhytmus. Ein Kom- poſiteur kann daher nur durch die glük— lichſte Vereinigung dieſer heterogenen Tonmaſſen reuſſiren— u. dieſem glük— lichen Umſtande verdankt der erwähnte Kompoſiteur ſein Einwirken auf die Ge— ſammtheit des Publikums. Der bekann— te Mandolinſpieler Vim ercati ſpielte ebenfalls in dieſem Theater an mehre— ren Abenden und fand bei den ſchwär— meriſchen, liebevollen Tönen ſeines In— ſtrumentes, bei ſeiner Geläufigkeit und bei der zarten Behandlung dieſes Da— men-Inſtrumentes warmen Beifall. Die Paſta, jene Geſangs-Veteranin, die an den Ufern der Seine und der Themſe ſo große Celebrität und Lorbeern ſich erwirkte, ſang an zwei Abenden und ließ Schule, Vortrag u. Methode nicht verkennen, klangreiche Stimme der Vor— zeit aber nur ahnen, und ſo ſei denn auch das Andenken an ihren ehemaligen Ruhm ebenfalls umflort. Die duftenden Geſtade der Wien erfreuten ſich eines neuen Charaktergemäldes von Fr; Kai— ſer:„Wer iſt Amtmann?“ betitelt, das wirklich zu der beſſern Produkten ge— hört und von den modernen Sterilität der Lokaldichter eine Ausnahme macht. Das erwähnte Stük, welches einen ſe— riöſen Hintergrund hat, wechſelt auf die kurzweiligſte Art mit den draſtiſch behandelten komiſchen Szenen und ver— fehlt durchaus nicht ſeinen Zwek— ei⸗ ner angenehmen, herrlichen Unterhal— tung. Das Leopoldſtädter Theater brach⸗


