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im Schauen, die das Erdichtete noch ganz ehrlich für etwas Wirkliches nehmen, müſſen wenigſtens von der merkwürdigen Geſchichte erzählen, die ſie geſehen und gehört haben, und von den Empfindungen ſprechen, die ſolche in ihnen erregt hat, wie ſie beſorgt, überraſcht und erfreut waren. Kommt aber der Zuſchauer erſt dahin, daß er weiß, die Perſonen thun nur ſo und der Dichter hat es nur ſo gewollt, ſo gibt es vollends Tauſenderlei zu beſprechen. Noch ein Schritt weiter und der Zuſchauer fängt an, mitzudichten: er wirft das Gegebene um und um, und legt, drükt und ſtuzt es ſich ſelbſt zu rechte, ſagt, wie es hätte anders kommen müſſen, wenn es wahrſcheinlich, wenn es ſchön ſein, wenn es ihm, ja wenn es der ganzen Welt gefallen ſolle, und da er hiermit ſich un⸗ terſteht, ein allgemeines Geſchmaksurtheil auszuſprechen und den Ge ſchmak Anderer ſeinem eigenen zu unterwerfen, ſo ſezt es hundertfachen Streit Jeder läuft hinzu, und rükt und ſtellt ſich das Ding wieder anders. In dieſer Verwirrung wirft ſich ein Friedensſtifter mit allgemeinen Regeln auf(der eigent liche Kunſtrichter), aber dieſe Regeln werden bald angenommen, bald geradezu beſtritten. Mann nimmt zu Vergleichungen ſeine Zuflucht und geht aus einer Dichtung in die andere über, wählt und verwirft auf's Neue, ruft die andern Künſte herbei, und verliert ſich in ein weites weites Feld. Und hinter dieſem allen blikt man erſt noch wie durch einen künſtlich gewebten Schleier in eine un ergründliche Tiefe dies iſt die Natur ſelbſt mit ihren unendlichen Wunder- kräften, Geſtaltungen und Möglichkeiten. Dabei müſſen vielleicht andere Wiſſen ſchaften, Geſchichte, Völkerkunde, Rechtslehre und Moral noch zu Rathe gezo gen werden, ſo daß am Ende nichts vom Geſpräche ausgeſchloſſen bleibt, was praktiſch ins Leben tritt. Es iſt ja Leben ſelbſt, das man in der Dichtung an⸗ ſchaut, man hat eine ganze Welt zur Betrachtung vor ſich; und über die un ermeßliche Wirkſamkeit geht es noch in das Reich der Phantaſie binaus. Wo wäre alſo ein Gegenſtand, an Stoff zum Geſpräch reichhaltiger, als das Theater?

Beim Theater iſt aber noch ein Zweites, das die Maſſe bewegt; dies iſt die Schauſpielkunſt. Jeder ſtellt ſich in Gedanken an den Plaz des Schau⸗ ſpielers, empfindet, redet und gebehrdet ſich mit ihm nach dem Wechſel der Sze nen und Verhältniſſe. Es iſt die menſchliche Natur und die Kunſt zugleich, was er hier vor Augen hat und in ſeinem Sinne erwägt Bald fühlt er, daß er in der Lage, in welche er ſich verſezt, anders ſprechen, anders ſich bewegen würde, als er es ſieht und hört, bald ſteigt die Leiſtung über ſeine Vorſtellung hinaus, ohne daß er in der Anerkennung der Wahrheit geſtört und gehindert wird er bewundert, er iſt entzükt. Und ob er wohl weiß, daß er es dem Schauſpie⸗ ler nicht wirklich nachthun könne, ſo iſt ihm doch in dem Augenblik, als ſei er im Beſiz ſeiner Rolle, das Spiel geht in ſeiner Seele vor, und der innere Sinn entſcheidet über jeden Ton, über jeden Schritt. Für das Richtige und Falſche in der Wahl, für das Mehr oder Weniger in der Stärke des Ausdruks eröffnet ſich hier wieder für die Unterhaltung ein weiter Spielraum. Und iſt von der Darſtellung des ganzen Charakters die Rede, ſo gibt es vollends der Beſtimmungen, der Wünſche oder auch der lobpreiſenden Bemerkungen noch viele; die Phantaſie regt ſich zu eigenen Schöpfungen, oder nimmt Bilder aus der Er fahrung voriger Kunſtgenüſſe. Nebenbei kommt auch noch die Kenntniß von man⸗ cherlei Dingen, von Anſtand und Sitte, geſellſchaft lichen Gebräuchen, herrſchen⸗ den Gewohnheiten und Charakterzeichen verſchiedener Stände Kenntniſſe von