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gleiche anzuſtellen, mein Geiſt war eben ſo unaußgebildet, als meine Laune fort⸗ während ſchlecht. Ich verſchwendete viel und erkaufte mir dadurch doch nicht jene tiefe Unterthänigkeit, die mir zu Hauſe auf jedem Schritte entgegenkam; dies legte ich für Troz aus, und war in Verzweiflung, daß ich ſo viele boshafte und widerſpenſtige Sklaven nicht züchtigen durfte. Es ſiel mir nicht ein, die veränderte Verfaſſung des Landes, die gänzlich veeſchiedenen Sitten in Betracht zu ziehen. Ich hatte keine Kenntniſſe vom Leben und der Geſellſchaft, ich wußte nur, daß ich ein Herr war, reich und unabhängig, und ich war überzeugt, daß dieſes genug ſei, um die Hälfte der Menſchhelt zu meinen Füßen zu ſehen.— Die Poſten in Deutſchland gehen einen langſamen Trott. Im Vergleich, wie man in meinem Vaterlande fährt, ſind die Pferde Schneken, wie zum Hohn vor— geſpannt. Eines Morgens kam ich in der übelſten Laune vor einem Poſthauſe an. Ich murmelte einen Befehl, mein Diener verſtand nicht ſogleich, was ich wollte, und durch ſeine wiederholten Fragen ſtieg mein Unmuth auf's Höchſte. Ich ergriff den Stok und ſchlug aus allen Kräften auf den Menſchen los, der am Kutſchenſchlage ſtand. Nicht zufrieden, ihm eine Anzahl derber Hiebe auf Kopf und Schultern verſezt zu haben, griff ich mit der metallenen Handhabe des Stoks in den Verband ſeiner verwundeten Schulter, und zerriß mit einem kräftigen Zug die Leinwandbinde, die der Arzt noch am geſtrigen Abend erneuert batte. Er ſprach kein Wort, er zog nur mit einer leiſen Bewegung den wun⸗ den Arm zurük; allein hiedurch ward meine Wuth nur noch geſteigert, ich ſtürzte aus dem Wagen und riß den Unglüklichen am Arm, indem ich ihn mit aller Ge⸗ walt an die Mauer des Poſthauſes ſchleuderte.— Alle Umſtehenden wichen bei dieſem Auftritt ſcheu zurük; kein Ton wurde laut, ſie machten mir Plaz, als ich in's Haus ging. Unter der Thüre warf ich noch einen flüchtigen Blik auf meinen Diener; er war leichenblaß und lehnte am Wagen. Es war ein junger Mann von fünf⸗ undzwanzig Jahren, kräftig gebaut und an Stärke mir gewiß zweifach überle⸗ gen; aber er war mein Leibeigener, er hatte die Beſchimpfung, die Schläge geduldet, er hatte geduldet, daß ich ihm unter unſäglichen Schmerzen den kaum geheilten Arm aus dem Gelenke riß, und nicht das kleinſte Wort des Vorwurfs oder der Klage ent⸗ wand ſich ſeinen Lippen. Er hatte alles ruhig erlitten, denn er war der Skla— ve, ich der Herr. Es war nichts Auffallendes am ganzen Vorgang.— Eine Viertelſtunde darauf trat er wieder in mein Zimmer, um meine Sachen zu ord— nen. Sein Arm hing in einer Binde, er war freundlich und ehrerbietig wie im⸗ mer, nur ſeine Bläſſe fiel mir auf. Ich ſprach kein. Wort.
Dieſe Szene hatte, wie geſagt, am Morgen geſpielt; beim Mittagstiſch, der unten in der Stube des Poſtmeiſters gedekt war, traf ich mit einigen Gä⸗ ſten zuſammen, die vom Orte waren. Sie ſahen mich ſcheu von der Seite an, Keiner richtete an mich das Wort, und bald entfernten ſie ſich wieder. Nur ein ältlicher, ſtiller Mann blieb ſizen, der in einen ſchwarzen Rok geknöpft war, und ſehr bedächtige Züge aus einer langen, ſchwarzen Pfeife that, die einige Aehnlichkeit mit ihrem Beſizer hatte. Dieſe Geſtalt kam mir bekannt vor, ich erinnerte mich jezt, ſie in der Poſthausthüre ſtehen geſehen zu haben, als ich die brutale Züchtigung vornahm. Er war offenbar Zeuge derſelben geweſen, und ſeine Gedanken, indem er mich von Zeit zu Zeit verſtohlen anblikte, beſchäf⸗ tigten ſich zu ermitteln, in wie weit man ſich mit mir einlaſſen dürfe, ohne mit der metallenen Handhabe meines Stoks in Bekanntſchaft zu gerathen. Um ihm


