Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
614
 
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guter Oheim in ſeinen jungen Jahren es geweſen ſein ſoll. Endlich ging ich aber doch daran, die Kiſte zu öffnen. Ich nahm ein Stük nach dem andern heraus, legte es vorſichtig bei Seite und griff mit zitternder Hand immer tiefer in den Voden. Ich gerieth in ein Gewirre von Bändern, die einſt ſehr farbig geſchimmert ha ben mochten, denen aber die Zeit und mit dieſer im Bunde ein Stük Ambra eine dumpfe, gelbbraune Färbung mitgetheilt hatte. Mein Oheim wußte von jedem dieſer Bänder eine Geſchichte. Jezt kam das Bereich der Loken; es war eine an ſehnliche Sammlung, und ſehr ſchönes blondes Haar darunter. Ich wußte, daß an dieſen feuchten Ringen die Thränen meines Oheims hafteten, und legte ſie daher mit einem beſondern Gefühl der Ehrfurcht bei Seite. Kleine Bücher in Sammet mit verblaßter Stikerei, und duftend von einem ſcharfen Wohlgeruch, enthielten nichts als etwa einen mit Bleiſtift gekrizelten Frauennamen und den Tag, an dem ſie geſchenkt worden waren. Die übrigen Blätter waren leer. Was ſollte auch auf ihnen ſtehen? Mein Oheim ſchrieb eine große, breitausgefloſſene Kanzleihand, und mit einer ſolchen Hand hatte er ſich wohl nicht getraut, auf ſo winzig kleine Blättchen zu ſchreiben. Ich würde nicht fertig werden, wenn ich alle die kleinen Reliquien aufzählen wollte, die ſich nach und nach meinem forſchenden Blik ent hüllten, indem ſie wie Schatten theurer Lebensſtunden aus dem Dunkel der Kiſte emporſtiegen. Nur eines Fundes will ich Erwähnung thun, der mir noch neu war. Es war dies ein ſauber gebundenes Buch und daran, mit einer Seidenſchnur befeſtigt, eine Tabaksdoſe und einige zuſammengelegte beſchriebene Bo gen. Ich betrachtete die Doſe näher; ſie war einfach aus Horn gedrechſelt, ohne einen andern Zierrath als auf dem Dekel die Worte:Vater Lorenzo. Dieſe waren mit goldener Schrift eingelegt. Als ich die Doſe öffnete, entdekte ich auf der innern Seite des Dekels den Namen: Yorick. Es fand ſich noch ein wenig Tabak darin, aber von einer Sorte, die mein Onkel in der lezten Zeit nicht mehr zu ſchnupfen pflegte, deren er aber in ſeiner Jugend ſich bedient hatte. Das Buch war die früheſte Ausgabe von Jacobi's Schriften, und ein Zeichen war eingelegt an einer Stelle, die, nachdem ich ſie geleſen, mir die Horndoſe ſammt ihren zwei Inſchriften erklärte.(Der Brief, den Johann Georg Jacobi im Jahre 1769 an ſeine Freunde ſchrieb, befindet ſich in denSämmtlichen Werken von J. G. Jacobi. Halberſtadt bei J. G. Groß 1773.4).

Als ich dieſen wunderlichen Brief geleſen hatte, der ſo ganz das Gepräge des empfindſamen Zeitalters trägt, gelüſtete mich's auch nach den geſchriebenen Dokumenten. Ich zweifelte nicht, daß ſie über die Doſe, über den Brief Jacobis und über die Weiſe, wie beides in den Beſiz meines Onkels gelangt, Auskunft geben würden. So war es auch. Die Papiere enthielten in ſchmukloſer Weiſe eine kleine Erzählung von meines Onkels Hand. Sie ſchilderte eine Begebenheit aus ſeinem Leben, die mir bis jezt unbekannt geblieben war. Hier iſt ſie.

Ich war, ſo erzählt mein Onkel,»in meinen jungen Jahren ein wil der, leidenſchaftlicher, ſogar roher Geſelle. Frühzeitig reich und unabhängig geworden, nahm ich jenen ſchrankenloſen Uebermuth in meinem Weſen auf, der den Herrn bezeichnet gegenüber einer Schaar Leibeigner; denn ich gebot über Weſen, welche dieſen bedauerlichen Titel führten. Ich unternahm eine Reiſe nach Deutſchland. Das Neue, das ich ſah, gefiel mir nicht, ich wußte keine Ver⸗