607 allem Nöthigen unterſtäzen wollte. Alfred, der ſeiner Kunſt mit Liebe und Elfer ergeben war, nahm dieſen Vorſchlag freudig an, denn in ſeinem Innern hatte immer der Wunſch gelebt, das Land der Muſik, das Land der Künſte kennen zu lernen und jene Gemälde der bereits in der Erde modernden Meiſter zu ſehen, die Jahrhunderte lang laut den Ruf ihrer Schöpfer verkünden. Es wurde alſo beſtimmt, Alfred ſolle bis in acht Tagen ſeine Reiſe antreten, bis dahin wollten ihn die Frauen gehörig in Wäſche und Kleidung berausſtaffiren, ſo daß er damit wohl ein Vaar Jahre haushalten konnte. Alfred wollte die Zwiſchen⸗ zeit noch zu einer Ueberraſchang für ſeinen gütigen Oheim benüzen, er bat Ma⸗ tbilden, ſie möge ihm als Modell zu einem Madonnenbilde ſizen und ſie willigte mit Freuden in ſeine Bitte. Der Pinſel des jungen Malers war nun ungewöhn⸗ lich thätig und emſig bemüht, die zarten Züge des lieben kleinen Geſichtchens auf der todten Leinwand recht lebendig wieder zu geben; er konnte die Stunde nicht erwarten, wo er dieſe Arbeit vollendet vor ſich ſehen würde und doch je näher dieſe Stunde rükte, deſto bänger wurde ihm ums Herz; ein gewiſſes, ihm ganz fremdes, unerklärliches Gefühl beſchlich ſein Inneres, die Bruſt ward ihm zu enge, er wußte ſelbſt nicht, wie ihm geſchah. Als ihm Mathilde zum lezten Male ſaß— es war am Tage vor ſeiner Abreiſe— war er auf eigene Art be—⸗ fangen, ſeine Augen ſchwammen in Thränen, die lieben freundlichen Züge, die ihm lächelnd aus dem Gemälde entgegen blikten, tanzten ihm verwirrend vor den unſichern Bliken; fieberhaft heiß brannte ſeine Stirne, das Blut rollte unge— ſtüm in ſeinen Adern, Pinſel und Pallette zitterten in ſeinen Händen, er wollte malen, mit den lezten Pinſelſtrichen ſein Werk vollenden, es wollte ihm aber durchaus nicht gelingen. Seiner Gefühle nicht mehr mächtig, ſprang er raſch von ſeinem Size auf, warf Pinſel und Pallette bei Seite und mit dem leiden⸗ ſchaftlichen Ausdruke:„Ach, Mathilde!““ ſank er zu den Füßen ſeiner Tante, die ihn verwirrt anſtarrte.—„Gott! Alfreld, was iſt Ihnen?“ fragte dieſe mit zitternder Stimme.—„Es iſt zu ſpät, Mathilde!“ erwiderte er in höchſter Aufregung.—„Alfred, Sie zittern ja am ganzen Leibe? Was iſt zu ſpät? Soll ich den Arzt rufen laſſen?“ ſagte mit wahrer Beſorgniß das arme Weib—⸗ chen. Alfred hatte ſich inzwiſchen erholt, er ſprang haſtig auf, und mit ironi— ſcher Kälte ſagte er:„Verzeihen Sie, beſte Tante, mir iſt nichts, gar nichts! es war nur ſo eine momentane Aufwallung— mein Blut ſpielt mir öfter ſo tolle Streiche— ich muß zur Ader laſſen.“ Er ging ein paarmal mit großen Schritten im Gemache auf und nieder, wühlte mit der weißen Hand in dem ſchwarzen, buſchigten Lokenhaare; Mathilde ſah ihn ſtaunend an, ſie wußte ſich dieſes ſonderbare Benehmen nicht zu erklären. Dann blieb er, ihr ſcharf ins Auge blikend, vor ihr ſtehen:„Veruhigen Sie ſich, liebes Tantchen,“ ſagte er liebevoll,„mir iſt ſchon wieder wohl— ihr Bild werde ich ſpäter vollenden,“ ſezte er hinzu, und ſo endete dieſe für beide ſo verhängnißvolle Szene. Es kam die Zeit des Abendeſſens, Alles ſchien verſtimmt, auch Helmbrand war nicht hei— ter, wiewohl ihm dieſer Vorfall nicht bekannt war, aber es iſt ein eigenthümliches Bangigkeitsgefühl, das uns jeden Abſchied, jede Trennung, und wäre dieſe auch nur für kurze Zeit, erſchwert. Martha in ihrer Gutmüthigkeit war beſorgt gewe⸗ ſen, das Reiſegepäke des jungen Wanderers in Ordnung zu bringen, und hat manche Thräne dabei geweint; Mathilde ſaß nachdenkend bei Tiſche, ohne einen Biſſen zu ſich zu nehmen, Alfred benahm ſich wie ein Träumender.— Mit dem erſten
Jahrgang
Band 2 (1840)
Seite
607
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