Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
606
 
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Verluſte erlitten, ſo daß dem nun verwaiſten Sohne kein anderes Erbtheil blieb, als die Schulden ſeines Vaters. Alfred war 18 Jahre alt und hatte ſich der Malerei gewidmet; wiewohl er hierin bereits nicht unbedeutende Fortſchritte gemacht hatte, ſo hatte er ſeine akademiſchen Studien doch noch nicht vollendet, und da im Vaterhauſe für ſeine Lebensbedürfniſſe geſorgt war: ſo war er auf eigenen Erwerb bisher noch nicht bedacht geweſen. Helmbrand hatte dieſe uner- wartete Nachricht heftig ergriffen, doch als der erſte Schmerz vorüber war: ſo fand er in der Theilnahme ſeiner Mathilde, ſo wie der guten Martha milde Tröſtungen. In ſolchen Momenten, wo das Leben aus ſeinem gewöhnlichen Schlendrian heraustritt, wo uns das Schikſal mit gewaltiger Hand aufrüttelt aus unſerem Gewohnheitsdaſein, fühlt man es am meiſten, wie beſeligend das Bewußtſein iſt, nicht allein zu ſtehen in der Welt, ſondern ein Weſen an ſei⸗ ner Seite zu haben, dem wir die Empfindungen unſers Herzens wahr und unge⸗ heuchelt mitt heilen können. Sei es Freude, ſei es Schmerz, immer ſehnt ſich der Gefühlvolle nach Mittheilung, durch welche jene ihren wahren Seelenadel erhält und dieſer ſeine vergiftete Skorpionsſtachel verliert. Daß man der Bit te des unglüklichen Sohnes keine abſchlägige Antwort entgegen ſezte, läßt ſich wohl erwarten und bald war der kleine Familienkreis um ein Mitglied vermehrt.

Alfred war ein ſchöner junger Mann, ſein edles blaſſes Geſicht erhielt durch die düſtere Gemüt hsſtimmung, in welche ihn das Traurige ſeiner Lage ver⸗ ſezte einen eigenthümlichen ſchwärmeriſchen Ausdruk, der ihn nicht unintereſſant kleidete; das feurige ſchwarze Auge blikte unter den buſchigen Augenbraunen wehmüthig hervor, der kleine Bart über dem ſchön geformten Munde, ſo wie das in reichen natürlichen Loken bis an die Schultern herabwallende Haupt haar, das an blendender Schwärze mit dem Schillern des Topaſes wetteiferte, verlie hen ihm ein echt künſtleriſches Ausſehen. Sein Körper war ſchön gebaut, die ganze Haltung würdevoll, ja majeſtätiſch zu nennen. Alles behandelte den neuen Gaſt mit zuvorkommender Aufmerkſamkeit, denn man hatte Mitleid mit dem Unglüklichen und ſeiner bittern Schwermuth; Alles wurde aufgeboten, ihm ſei nen Schmerz vergeſſen zu machen und das erſte Lächeln auf den bleichen Wangen ward wie ein freundlicher Sonnenſtrahl nach langen Gewitterſchauern theilneh mend begrüßt. Beſonders war es Mathilde, die ihrem Vetter manche Stunde ſchenkte, in welcher ſie ihn durch ihre unbefangenen Scherze, durch ihre oft muth willige Laune aufzuheitern ſuchte; ſie durfte ſich ihm ja ganz frei nähern, denn ſie war ja ſeine Tante und Helmbrands Gattin! Es entſtand gar bald zwiſchen beiden eine gewiſſe Vertraulichkeit, ſie gewannen ſich mit jedem Tage lieber und lobten das glükliche Schikſal, das ſie zu ſo nahen Verwandten beſtimmt hatte; Alfred wurde heiter und munter in Mathildens Geſellſchaft und dieſe fand nur dann ihre volle Munterkeit, wenn Alfred zugegen war. Helmbrand freute ſich, daß ſein Neffe ſich nach und nach von dem harten Schlage, der ihn getroffen, zu erholen anfing, er wußte recht wohl, daß ſeine Mathilde das Meiſte dazu beigetragen und er war ihr vom Herzen dankbar dafür; es war ja nichts Arges dabei! Auch Martha war dem jungen Manne herzlich gut und ſchenkte ihm ihre Theilnahme.

Um den jungen, hoffnungsvollen Künſtler in ſeinem Berufe vollends aus- zubilden, machte ihm Helmbrand, nach einem etwa vierteljährigen Aufenthalte, den Vorſchlag, eine Reiſe nach Italien zu machen, wobei er ihn mit Reiſegeld und