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dein Herz völlig frei ſei, d. h. ob du keinen der dir bekannten jungen Männer den Vorzug ſchenken würdeſt?“—„Je nu, liebe Tante“ meinte die Heiraths⸗ kandidatin,„da wäre z. V. des Verwalters Guſtav, ein recht lieber Junge, ten möchte ich gleich heirathen, auch der Sohn unſers Bürgermeiſters iſt ein gu⸗ ter Menſch, den möchte ich auch heirathen, der junge Kaufmann Woller gefällt mir auch nicht übel, auch den möchte ich heirathen.“—„Du heirat heſt ja noch unſer ganzes Städtchen,“ ſagte laut auflachend die Alte und drükte der kleinen, naiven Gurli die Hand.„Ich glaube, wenn man ſchon einmal heirathen muß,“ fügte das Mädchen hinzu,„ſo iſt bald ein Mann gefunden und es kommt am Ende immer auf ein und daſſelbe heraus.“— Es entſtand nun eine kleine Pauſe, während welcher die Tante ihre Nichte feſt ins Auge faßte, dieſe aber ſah munter drein und ſpielte mit den Händen in den Taſchen ihrer Seidenſchürze. Endlich hub Frau Martha wieder an:„Ich will es dir nur offen ſagen, der Amtmann Helmbrand hat bei mir um deine Hand angehalten, dein ganzes Be⸗ nehmen hat ihm ſo gefallen, daß er mit dir gerne ſeine Lebensfreuden theilen möchte. Er hat dir ja ſeine Zuneigung bei ſeinen oftmaligen Beſuchen deutlich zu erkennen gegeben, mich ſollte es wundern, wenn du es nicht bemerkt hätteſt. Er iſt freilich nicht jung, auch eben nicht hübſch, aber ein recht ſchaffener, braver Mann, der ſein redliches Auskommen hat und bereits ein hübſches Sümmchen zu— ſammengeſpart.“—„Jung iſt er nicht, liebe Tante, da haſt du ganz Necht,“ verſezte das Mädchen,„hübſch gerade auch nicht, aber gut ſcheint er zu ſein, alſo, wenn du es wünſcheſt, ſo wollen wir ihn heirathen.“ Und ſie umarmte nun unter herzlichen Küſſen ihre gute Tante.—„Kind, das mußt du dir noch überlegen,“ ſagte dieſe,„mein Wunſch gilt in dieſer Beziehung nichts, ſo ſehr es mich freut, wenn er dir bei andern Gelegenheiten heilig iſt.“
Es iſt nun als Erzähler meine Schuldigkeit, daß ich meinen ſchönen Leſe— rinen eine Veſchreibung des hoffnungsvollen Bräutigams entwerfe, denn das weiß ich recht gut, daß das weibliche Geſchlecht nichts ſo ſehr intereſſirt, als ein Mann, der Bräutigam iſt. Der Amtmann Helmbrand war ein ganz ſchlichter Mann und wenn ich ihn meinen Leſerinen in persona vorführen würde, ſo möch⸗ te er ihnen wie ein alter Bekannter erſcheinen, denn ſolche Exemplare wandern genug herum auf unſerer buntſchekigen Erde. Einmal unternahm Herr Helm— brand eine Geſchäftsreiſe, die Polizei ſtellte ihm ſeinen Paß aus und in dieſem las man Folgendes: Alter: 56 Jahre; Augen: grau; Haare: ſchwarz mit grauen untermengt: Geſicht: länglich; Naſe: propottionirt; beſondere Kennt⸗ zeichen: eine Narbe auf der Stirne. Dabei war es ein gutherziger Mann, flei— ßig in ſeinem Berufe, ohne Leidenſchaft, zufrieden, wenn er des Abends im Freundeskreiſe bei einem Glaſe Gerſtenwaſſer ſein Pfeiſchen ſchmauchen und über das, was die neueſte Nummer der Staatszeit ung brachte, politiſiren konnte. Mit dieſem Manne wurde nun Mathilde verbunden und das Ehepaar bildete mit der alten Vaſe ein recht glük liches Kleeblatt.
Zwei Jahre waren bald verſtrichen und man konnte ſagen, ſie waren eine Kette von 104 Flitterwochen— es iſt ganz etwas Beſonderes mit dem ſogenann— ten Eheglüke. Es iſt mit der Ehe gerade ſo, als wenn wir einen früheren Auf⸗ enthaltsort verändern und ihn gegen einen neuen umtauſchen— wer ſich von ſeinem neuen Wohnſize ungeheure Erwartungen macht, wer da Dinge zu finden glaubt, die ſich in Büchern recht gut leſen, in der Wirklichkeit aber nur mühſam


