Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
598
 
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ihr denn eitel iſt ja ſelbſt das unſchuldigſte Geſchöpf. Mathilde war ſechszehn Jahre, ihre Eltern waren frühzeitig geſtorben, eine gutherzige Muhme nahm ſich der verlaſſenen Waiſe an und bei dieſer verlebte ſie ihre jungen Tage; da beſorgte ſie das kleine Hausweſen, war emſig und beſcheiden und in ihrem In⸗ nern recht zufrieden, weil ſie nichts Veſſeres kannte. Gleichheit der Lage wird zur Gewohnheit, Gewohnheit aber führt nie zur Unzufriedenheit, denn dieſe Gift pflanze gedeiht nur bei Aenderung der Verhältniſſe. Die alte Marthe, ſo hieß die Baſe, war eine recht gute Frau, man konnte mit ihr prächtig auskommen und Mathilde verſtand das aus dem Grunde.Höre, liebes Tildchen, ſagte die Baſe eines Tages,du biſt nun in den Jahren, wo der Menſch aufhört, ein Kind zu ſein, wo er ſich einen Plan für ſein künftiges Lebensglük entwer⸗ ſen muß. Ich bin alt, werde täglich gebrechlicher und es thut mir im Herzen wehe, wenn ich denke, daß es dem Allmächtigen gefallen könnte, mich plözlich von dieſer Welt abzurufen und ich dich dann allein und verlaſſen zurük laſſen müßte. Hiebei wiſchte ſich die gutherzige Alte eine Thräne aus dem Auge und Mathilde ſprang auf von ihrem Noken und ſtreichelte und küßte die gefurchten Wangen.Ei, liebe Baſe, ſagte ſie,wir wollen beten, daß dich der gute Gott noch lange bei mir läßt, denn, ſiehſt du, wenn du einmal todt biſt und dich die ſchwarzen Männer in die Grube ſcharren, dann mag ich auch nicht mehr leben und ich könnte auf das böſe Schikſal recht ernſthaft zürnen.Mein gu- tes Kind, erwiderte die Baſe,das iſt nun ſo der Lauf der Welt, wir Alten müſſen den Jungen Plaz machen, die Erde zieht täglich ein neues Gewand an, neue Geſchöpfe werden geboren, und die alten erſcheinen in veränderter Form, der Menſch von heute iſt nicht mehr der Menſch von geſtern und wird morgen wieder ein anderer ſein; aus dem Samen keimt die Blume, ſie ſproßt empor, prangt dann in voller Pracht, dann welkt ſie wieder, die Blätter zer⸗ fallen und ſie kehrt in ihr Nichts zurük, aus dem ſie entſtanden. So iſt es ge⸗ rade bei uns Menſchen, nur ſcheint uns die Dauer dieſer Perioden länger und doch iſt das Leben des Menſchen eben ſo kurz, wie das Leben der Blume, denn Jahr und Tag ſind im Verhältniſſe zur unendlichen Ewigkeit ganz gleich bedeutende Ausdrüke. Der Menſch zählt nur nach Jahren, die Ewigkeit weiß nichts von Jahren; wer es verſucht die Zeit in Theile zu ſondern, der glaubt das Weltmeer tropfenweiſe auszuſchöpfen, ein Tropfen nach dem andern kömmt heraus und das Weltmeer wird doch nicht kleiner, ſo auch die Zeit, was man ihr nimmt, fällt wieder in ſie zurük und wir ſind die momentanen Seifenblaſen, die da entſtehen, um wieder zu vergehen und für kurze Augenblike der Welt zum Schmuke dienen kömmt dann eine neue Mode, ſo wirft man den alten Tand bei Seite. Mein Vermögen iſt klein, liebes Kind, und meine Penſion dauert nur, ſo lange ich lebe jezt gibt ſie uns beiden Unterhalt, doch dann ſieh' Mathilde, du ſollſt heirathen.Heirathen? fragte erſtaunt das Mädchen und mit kindlicher Unbefangenheit ſezte ſie hinzu,ja, liebe BVaſe, wenn du glaubſt ich will heirathen.Haſt du vielleicht dir ſchon einen Mann ausgeſucht, ſei aufrichtig, fragte die Alte mit forſchendem Blik. Mathilde aber ſah ihr offen ins Geſicht und ſagte mit feſtem Tone:Nein, liebe Tante, ich habe noch gar nicht daran gedacht, aber wenn du es haben willſt: ſo werde ich mir jezt einen Mann ſuchen, der mir gefällt und gut iſt.Das muß ſich von ſelbſt finden, entgegnete lächelnd Frau Martha,ich meinte nur, ob