Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
584
 
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jeder Sekunde ſteigt die Todesnoth. Es gilt auf Leben und Sterben; der Bar oder der Menſch, einer iſt in der nächſten Minute eine Leiche! Vergebens haut der Matroſe mit ſcharfer Axt dem erſten Ungethüm die auf den Nand des Voo tes geſtemmte Taze ab; entert der erſte Eisbär nicht, vielleicht gelingt es dem zweiten oder dem dritten. Denn die ganze Hölle iſt los: der Menſch ringt bis er ermüdet, die Beſtie, und wär' es die lezte, bleibt Sieger!

Kein Sterblicher wandelt ungeſtraft in den Revieren des Eisbären und ſein Jagdgebiet erſtrekt ſich über Land und Meer, ſo weit Schnee und Eis den Nord⸗ pol umſtarren. Armer, ſchwacher Menſch, du willſt mit dem König der Polar⸗ meere ringen? Ahneſt du, was der Eisbär wagt? Dort liegt er auf dem Eis berge; plözlich rauſcht das Waſſer zum Himmel hinan, denn der Rieſe der Fluthen naht. Und der Eisbär ergreift die Flucht? O nein, er fährt auf den Wallfiſch zu, krallt ſich ihm an den Bauch, taucht unter, taucht wieder auf, gräbt ihm die Krallen und Zähne gierig ins Fleiſch und läßt den König der Fluthen ſo lange ſtürmen und toben, bis er durch den Kampf ermüdet, durch den Blutverluſt ermattet; bis er unter den raſendſten Schmerzen verendet und wie ein Wrack auf der Oberfläche der See treibt.

(Beſchluß folgt.)

Zur Charakteriſtik Balzac.

Balzac arbeitet ſechszehn Stunden des Tages; er verliert niemals auch nur eine Minute. Geht er in eine Buchdrukerei, um eine Korrektur zu machen, ſo ſchreibt er, bis ſie vor ihm liegt, noch ſchnell Einiges nieder; eine Tiſcheke, ſelbſt ſein Knie dient ihm als Pult. Kommt er dann ermüdet, verſtimmt, ärger⸗ lich, gelangweilt nach Hauſe, quält ihn ein Verdruß, eine Muthloſigkeit, wie ſie im Leben eines Schriftſtellers nicht ſelten vorkommt, und ihn zu aller Arbeit ganz unſähig macht... dann greift Balzac, allen Unmuth gewaltſam zurükdrän⸗ gend, doch zu ſeiner Feder, er thut ſich faſt Gewalt an, und ſchreibt und ſchreibt ununterbrochen Alles nieder, was ihm in den Kopf kommt. Am andern Morgen überlieſt er, was er ſo in übellauniger Haſt niedergeſchrieben, und benuzt von dieſen vierzig Seiten etwa vier, die andern müſſen in Feuer aufgehen. Bal zac ändert und beſſert oft an ſeinem Style, ſeine Manuſkripte wimmeln von ausge⸗ ſtrichenen Worten und Zeilen, die er ſpäter hineinſchrieb, ſo das die Sezer mit ihm die größte Mühe haben. Er ſelbſt ſagt oft lächelnd, daß er bei den Vuch drukern einer furchtbaren Berühmtheit genieße. Die geiſtigen Hilfsquellen dieſes Schriftſtellers ſind wahrhaft großartig; neben einer glänzenden und ſtets regen Phantaſte beſizt er auch Kenntniſſe, und zwar gediegene Kenntniſſe in den ver ſchiedenſten Zweigen des menſchlichen Wiſſens. Nichts iſt ihm fremd, Medizin, Phyſie, Mathematik, Geologie, Rechtskunde, er hat ſich mit Allem beſchäftigt, Alles ſtudirt. Daneben iſt er Geſchäftsmann, und kaufmaͤnniſche Spekulationen weiß er mit Gewandtheit und Erfolg zu leiten. Es kurſtren über Balzac die manigfachſten Anekdoten, doch darf man ſie nicht alle eben wörtlich glauben; Alles, was man von ihm erzählt, verräth aber ſeine Neigung zum Sonderba⸗ ren. Es geht ihm in ſeinen Liebhabereien, wie vielen ausgezeichneten Männern, die gern mit Spielereien die wenige Zeit ausfüllen, die ihnen von ernſten Be⸗