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Pulver und Blei; die Kugeln harrten ſchon längſt der Befreiung. Jezt knakt der Hahn; um den Waſſerſtrudel ſtehen die Jäger geſchaart und harren des am- phibienartigen Ungethüms, welches der drohenden Gefahr ruhig die Stirn bie— tet; und Schüſſe fallen und die Kugeln ſchlagen durch das dike Fell der Beſtie — ward es durch den Kopf oder ins Herz geſchoſſen, ſo haben die Pilger Lebens mittel für die nächſten Tage; ſpäterhin... wie Gott will! Je größer die Noth, deſto höher ſteigt Alles im Werthe; dieſe verkrüppelten Birken und Flechten, dieſes Farrenkraut und Moos und das Treibholz, wie unſchäzbar ſind ſie am Nordpole! Aus Treibholz, Seegras und Erde entſteht eine Hütte, alle Zu— gänge ſind bis auf einen einzigen verſtopft und dieſer iſt ſo ſchmal und niedrig, daß der Körper nur kriechend bindurchgeht; nun wird auch dieſe Thür von in— nen mit Segeltuch verſtopft. Die Jagdbeute wird zerlegt. In der Mitte des Eispallaſtes gewahren wir das Werk ſtundenlanger, mühſamer Arbeit, ein tie— fes Loch, in welchem trokenes Holz aufgeſchichtet ward. Jezt wird es angezün— det, die Flamme lodert, gierig das Harz an den Stämmen ablekend, hoch em— por; bald gleicht das Loch einem großen Kohlentopfe und nun werden die ro— hen, öligen Bärenſchinken gebraten und gierig verſchlungen. Für diesmal ward der Hunger geſtillt; doch morgen? Sorget nicht für den andern Tag; Hoffnung läßt nicht zu Schanden werden!
Die Nacht bricht an, die tiefe, lange Nacht, wo Alles ſchweigt und nur der Sturmwind brauſend die wenigen hie und da zerſtreut ſtehenden Zwergbäu— me, welche ſich unter des Schnees Laſt beugen, zerzauſt und die ſchweren Wol— kenmaſſen gleich der wilden Jagd vor ſich hertreibt. Die Fremdlinge legen ſich in der erwärmten Hütte, dem Feldlager gegen den Winter, der ſie ringsum blokirt, zur Ruhe; ſie ſchmiegen ſich eng aneinander und reden vor dem Ein— ſchlafen noch lange vom fernen Vaterlande, wo der Himmel ſo blau und die Sonne warm, wo die Erde grünt und die Liebe wohnt: ob ſie noch einmal auf Erden am warmen Herzen der Gattin, der Kinder, der Eltern und Freunde ruhen werden? Des Herrn Wille geſchehe! Mit heiteren Bildern ſchlafen ſie ein und wandeln träumend unter blühenden Fruchtbäumen am Arm der Liebe. Wer ſo entbehrt hat, nur der begreift den Jubel, die unbändige Haſt, mit welcher der Matroſe, wenn das Schiff endlich im Hafen der Heimath Anker warf, ans Land ſtürmt und wie ein Heißhungriger über die Freuden der Civiliſation herfällt.——— f
Ihr habt das Bild des franzöſiſchen Malers Biard, welches in der Pariſer Kunſtausſtellung vor zwei Jahren ſo viel Aufſehen machte, wohl nicht geſehen, vielleicht kaum davon gehört? Es ſtellt nur eine Epiſode aus dem Trauerſpiele, welches am Nordpole ſeit Abeginn der Schöpfung geſpielt wird, dar, aber eine Meiſter hand hat ſie entworfen treu und lebenswahr. Ein Haufen gieriger Eis⸗ bären wirft ſich auf eine Menſchenſchaar, welche ſich ſtarr vor Kälte und halb nakt in einem Boote zu retten ſucht und nun den Tod in der gräßlichſten Ge⸗ ſtalt herandrohen ſieht. Der Eisbär iſt in ſeinem Elemente! Längſt ven Hun— ger gepeinigt und von Natur ohnehin ſchon gefräßiger als jedes andere Geſchöpf, ſieht er jezt friſches Fleiſch vor ſich; die angeborne Gier ſteigert ſich mit der wachſenden Gewißheit der Beute: er ſchwimmt und ſchwimmt mit lechzendem Auge und offenem Rachen— der Bedrohte blikt in den Schlund, der ihn ver⸗ ſchlingen will, er ſieht die ſcharfen Zähne, die ihn bald zermalmen werden; mit


