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Der Himmel hängt ſchwer, kalt, eiſig herab; Daͤmmerſchein umfängt die weite Erde, Land und Waſſer dekt ein weißes Leichentuch. Wenn die Winde ſchweigen, die Fluthen ruhen, dann ſcheint die Polarwelt eine unvollendet ge⸗ bliebene Schöpfung zu ſein. Alles, was das Ange ſchaut, unreif, embrlioniſch.
Eisberge, welche langſam vorüberſchwimmen, haben ein ſo tolles, phanta— ſtiſch-wildes Anſehen, als ob ſie Geſpenſter wären, welche einſt vor ihrem eige⸗ nen Anblike erſtarrten. Die Fluth hat keine beſtimmte Farbe, und einförmig wie ſie, iſt das Land; das Auge ſucht vergebens nach einer Unterbrechung in der unüberſehbaren Einförmigkeit, nach einer Abwechſelung in der endlofen Lange— weile: kein grüner Baum, kein Strauch, Alles todt, ſtarr, öde! So erſcheint das Polarmeer bei Windſtille. Wenn aber der Winter heranbrauſt, die Eisberge zuſammenballt, die Sonne ein halbes Jahr lang unter den Horizont herabſinkt und Himmel und Erde von Grabesnacht bedekt ſind, wenn die Wogen rollen, die rieſigen Eisberge wie Schneebälle von den raſenden Winden gen Himmel ge⸗ ſchleudert werden und die tiefſten Tiefen des Meeres erkrachen, dann iſt die Welt ein weites Chaos, ein Höllenſchlund. f
Der Tag ſcheint vor dem grauſen Anblike für immer entflohen zu ſein;; ſtatt der freundlichen Sonne flakert das Nordlicht am Himmel, gleich der Tod— tenfakel, welche ein unterirdiſches Grabgewölbe kniſternd erhellt. Plözlich wird es noch ſchwärzere Nacht, die Planken des Schiffes brechen zwiſchen den Eisber— gen zuſammen und wenn es endlich, endlich über den Flutben tagt, dann ſind längſt auch des Wrakes lezte Spuren verſchwunden und die Menſchen, ja ſelbſt ihre Leichen ſind nirgends, nirgends mehr zu erſchauen.
In dieſer Welt, wo Alles was da athmet, nur mit Furcht und Zagen naht und mit Jubel entflieht, lebt nur ein Geſchöpf behaglich und ſicher. Was kümmern den Eisbären die raſenden Elemente! Wenn die Tiefen des Ozeans erbrauſen, liegt er ruhig auf Schnee oder Mooß am Lande oder macht auf einem ſchwimmenden Eisberge eine Spazirfahrt. Der Eisbär iſt träg wie das Mur⸗ melthier, mürrifch und verdroſſen wie ſeine ſchwarzen und braunen Vettern in Polen, auf den Alpen und Pyrenäen, klug wie der Biber, ſchwimmfertig wie der Haifiſch, grauſam und blutdürſtiger als Tiger und Hyäne— wahrlich ein von der Natur gräßlich reich ausgeſtattetes Thier! Er fürchtet weder die Eis zaken, welche das Schiff zer ſchellen, noch die Kugel des Jägers; er iſt faſt das einzige warmblütige lebende Weſen in der Polarwelt, jedenfalls das ſtärkſte und gefährlichſte; er iſt ihr Herr und König.
Wie durch den Kopf eines Wahnſinnigen hin und wieder einige heitere Bilder ziehen, ſo hat auch das Polarmeer ſeine freundlicheren Momente. Wenn ſich die wandelnden Eisthürme mit den ſteilen Uferſcheeren müde gekämpft ha⸗ ben, dann ſchleicht wohl pfadlos und ſchweigend ein Haͤuflein Männer— kühne Naturforſcher oder unermüdliche Wallfiſchjäger— zahnklappernd vorüber und ſchaut ängſtlich nach einem Unterkommen in dieſer rauhen, unwirthlichen Einöde um. Hier ladet kein grüner Raſenplaz zur Ruhe ein, kein Kraut, keine Wur⸗ zel ſtillt hier den Hunger; kein Baum trägt ſaftiges Obſt. Der Winter breitete ſein Schneegefieder aus, ſein Eis hauch verſcheuchte alles Wachsthum und Gedei— ben; Alles ſtarr, bewegungslos. Doch nein, dort hebt und bewegt ſich's auf der Eisſcholle; es ſchwankt ein weißer Körper plumpt ins Waſſer, welches ſchäu⸗ mend emporſprizt. Aus dem Schiffbruche rettete jene Männerſchaar noch Flinten,


