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eingebildetes Spiel ganz mit der Unruhe und Qual des wirklichen, paſſionirten Spielers. Er bildete ſich ein, ſeine Taſchen ſeien geſtopft voll Gold, er wage Tauſende und gewinne Tauſende— der wunderliche Spieler!— Hatte er, na— türlich nur in der Einbildung, verloren, ſo machte er ein Geſicht, als genire ihn der Verluſt auch nicht im Geringſten; hatte er gewonnen, ſo ſtrahlte ein ſelbſtgefälliges Lächeln auf ſeinem Geſichte, auch zukte er wohl mitleidig die Achſeln über einen unglüklichen Spieler, der neben ihm ſtand.
Eines Abends, es war der lezte, den Genovefa noch in Lucca zubringen wollte, ſchlich Tobias wieder in den Spielſaal, ſuchte wie gewöhnlich in allen Taſchen und fand kein Geld darin; nun zog er einen von Genovefa gearbeite— ten Geldbeutel heraus, machte ein ganz verduztes Geſicht, daß derſelbe leer war und ſchüttelte verdrießlich den Kopf. Zum erſten Male durchzukte ihn eine Ah— nung von dem Mangel an reellem Gelde und der Unmöglichkeit zu ſpielen. Er zögerte, ging verlegen hin und her und ſagte endlich zu einem Anweſenden, der ſich ſchon vielfach mit ihm beſchäftigt hatte, kleinlaut:„Lieber Freund, borgen Sie mir doch etwas Geld.“—„Sehr gern, Herr Tobias! gut Glük!““— Der liebe Freund des Geiſteskranken war einer der ausgezeichnetſten Vadeärzte, bei welchem Genovefa ſich ſchon oft Rath geholt hatte.— Der Arzt trat zum Croupier und raunte ihm in's Ohr:„Ich aſſoctire mich mit Herrn Vandael, denn ich glaube an ſeinen Glüksſtern. Wir ſpielen halb und halb, ich bin Ih— nen für Alles gut. Verſtehen Sie mich recht, es iſt mein völliger Ernſt!“——
In den meiſten Wahnſinnsgeſchichten ſpielt ein menſchenfreundlicher Arzt eine Hauptrolle; er iſt der Deus ex machina. Aber das Leben will es nun ein⸗ mal nicht anders; laſſen wir uns alſo durch dieſen, freilich ſchon abgenuzten He— bel in unſerer Geſchichte nicht irre machen. Die Sache verhielt ſich wirklich, wie ich ſie erzähle.— Die anweſenden Spieler hörten auf zu ſpielen, um ganz Au— genzeugen dieſes ſeltſamen Manövers des Arztes zu ſein. Jeder ſah ein, daß es ſich hier um den Verſuch handle einen Wahnſinnigen zu heilen. Tobias ſpielte alſo allein und mit jeder Minute ſtieg die Spannung der Zuſchauer. In kurzer Zeit lag ein Haufen Geld vor ihm aufgeſchüchtet; bei jedem neuen Zuge wuchs derſelbe wie eine Lawine: Tobias ſpielte nicht mehr, er gewann nur noch!— Faſt ſchien es nun, als verſezte ihn die Geldmaſſe, welche er mit gieriger Haſt zuſammenraffte, in ein neues Delirium. Seine Geſtalt ſchien zu wachſen, ſein Auge bekam ein fieberhaftes Feuer, das Geſicht glühte, von der Stirn rie— ſelte der Schweiß in diken Tropfen herab; er blinzelte unaufhörlich mit den Augen, er kniff die Lippen zuſammen, wühlte in dem Gelde und ſprang nun plözlich wie von einem fürchterlichen Gedanken betroffen auf, riß den Nok, die Weſte, das Hemd auf, zerkrazte ſich die Bruſt, bis ſie blutete und holte tief Athem.— Anfangs fürchtete man einen Anfall von Raſerei und traf bereits Vorkehrungen, um ihn nöthigenfalls unſchädlich zu machen. Aber plözlich ſank er auf dem hinter ihm ſtehenden Stuhle zuſammen wie ein Menſch, der ſich des Schlafes nicht länger erwehren kann. Er ſchnitt Geſichter wie ein Wahnſinniger, der er auch war, ſah bald verwundert die Zuſchaner, die Croupiers, die Bank und die Karten an, nahm dann das vor ihm liegende Geld und warf er drun— ter und drüber auf den grünen Tiſch, als ſeze er jezt Alles auf einmal auf's Spiel.—


