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Einnahme, bei welcher Gelegenhelt dle ſehr unterhaltende Poſſe:„Der Schneider und ſeine Töchter“ vom Verfaſſer des „Raubſchüzen“, Muſit v. Hebenſtreit, gege— ben wird.— Die talentvolle, jugendliche Be— neſiziantin, die als Anfängerin im Fache der Lokalſängerinen manche beifällige Anerken— nung findet, dürfte wohl durch reichlichen Zuſpruch aufmunternde Theilnahme erhalten.
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Straßen⸗Muſik. Einelder ſtü⸗ zenswertheſten Arten privilegirter Bettelel, die man mit Feuer u. Schwerdt ausrotten ſollte, iſt das Handwerk der Straßen-Muſikanten, nicht minder unverſchämt, nur weniger das Menſchenthum entwürdigend, aber bei wei— tem läſtiger, als jede andere. Zehnerlei Ban— den durchzieben die Stadt, jede Straße ſchrillt von ſchreklichen Mißtönen in noch ſchrekliche— rer Abwechſelung, oft gar im greulichen Dop— pel⸗Konzert widerſtreitender Melodien u. ge— geneinander heulender Inſtrumente. Dieſe Oh— renqual, der Schreken aller Kopfarbeitenden, aller Kranken u. Reizbaren, wett Dich Mor⸗ gens aus dem Schlafe, verfolgt Dich nach allen Richtungen, bei allen Verrichtungen am Tage, begleitet Dich in's Bette zu Nacht. Swolf Tage lang biſt Du ärger daran als Trent, den man doch nur ſtündlich aus ſeiner Ruhe ſchrekte. Wo Du Dich zeigſt, ſelbſt am Fenſter Deiner verſchloſſenen Wohnung, ereilt Dich das bettelnde Notenblatt und der Dich zu Kontributionen zwingende Teller. Nicht genug, daß du endlos gequält wirſt, Du mußt noch Deine Quäler bezahlen. O verkehrte Hu— manität! buntſchetiger Philantropismus! Der läſtigſte Bettler iſt loyal, weil er eine Geige oder ein Horn ſtatt einer Krüke führt.
Die wandernden Leierkäſten Berlins Peſths) ſind weltberüchtigtes Sprichwort geworden, aber man gewöhnt das Einförmig-tägliche am Ende wie die Zudringlichteit der Sommerfliegen. Zudem verlezt die Straßen-Orgel wenigſtens nicht mit Mißtönen unſer Ohr, wenn ſie und auch mit ihrem Einerlei langweilt und ermu— det. Da weiß man ſchon jeden Morgen ſein unausweichliches Schitſal: um neun Uhr den „Reiter und ſein Liebchen“, um zehn Uhr den„Jäger⸗Chor“ aus dem„Freiſchüz“ oder
„) Fur Berlin geſchrieben in dem„Geſell⸗ ſchafter“, aber auch ſehr gut fur Peſth anwendbar.“
die weltbekannte, den Römern verderbendro hende Arie der„Norma“; nach Tiſche der „theuren Lagienka“ u. Abends das Schlum merlied aus der„Stummen““ oder„Ber trands Abſchied“ hören zu müſſen, u. man iſt darauf gefaßt und erträgt es- um Gottes willen. Aber die Muſik-Anſtalten der Provin zialſtädte, beſonders zur Zeit ihrer Jahr märkte, zu ertragen, dazu gehört eine abon dance de patience und eine Pietät, die woh nur Wenige beſizen. Du ſizeſt beim Arbeitstiſche, im— chen Geſpräche oder geſchäftigen Nachdenken oder dußlieſeſt ein nothwendiges oder untere haltendes Buch— plözlich Ende der Straße von drei Hörnern und zwe Klarinetten. Ein Galoppwalzer, denn Du bit
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erſchallt es 0
zum Ekel ſchon von beſten Orcheſtern gehort, 1
ſtort Deine Aufmerkſamtkeit, Dein Geſpräch Dein Nachdenken. Du legſt die Feder, dat
Buch endlich weg, oder ſchweigſt, da Du 1*
in Deinen vier Wänden ſelbſt nicht verſteher
tannſt. Der Galoppwalzer iſt aus und nun ho! beginnt, taktlos, entſezlich inſteumentirt, ein alie
tauſend Mal gehörter Marſch— darauf no
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ein ominöſer tomponirtes Stüt, und nun Ae
iſt's ſtille. Gottlob! Du ſezeſt Deine Ver— richtung fort. Aber die Lawine wälzt ſich näher. Der Galoppwalzer beginnt wieder, jezt nur noch lauter, der Marſch, das ominbſe!
zen⸗Konzert wieder, aber ſogleich ertönt de
Galoppwalzer von Neuem und jezt unter Deinem Fenſter. O Polyhymnia und alle ihr neun Muſen! Geduld! Geduld! Der
Muſikſtüt folgen. Endlich! ſchweigt das ee
Marſch geht zu Ende; jezt nur noch das omt um
nöſe Stüt— auch dies iſt jezt vorüber.— Stille!— Gottlob!— Es klopft an Deine
Thur; eln Notenblatt läßt ſich ſehen. Schnell 6
einen Silbergroſchen! So, nun gehſt Du, athemſchoͤpfend wieder an Dein Geſchäft.
Ein Individuum vom Gelehr— teen ſtan de empfiehlt ſich hiemit diſtinguirten Familien zum Unterricht der Jugend in Real— gegenſtänden, Naturgeſchichte und damit ver— wandten Fächern.— Genauere Auskunft mer— theilt aus Gefälligkeit Herr A Benter t, Servittenplaz, im v. Krachenfels'ſchen Hau— ſe, 3. Stok.
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Veilage:„Der Schmetterling.“ Nr. 20.
Herausgeber und Verleger Franz Wieſen⸗


