566 fas Portrait ſein! Die Blume glich einer Lilie, ſie war ſo geſpenſtiſch bleich, ſo vom Sturm zerriſſen, die Blätter hingen kaum noch am Stängel!— Und glich Genovefas Schikſal nicht dieſer Lilie in der Sturmnacht? Die Arme war bis ins tiefſte Herz bewegt.
Dieſer Verſuch bildete einen Wendepunkt in Tobias Krankheit, denn von der Stunde an bekam er wieder Luſt am Malen. Den ganzen Tag ſaß er in ſeinem Atelier; nur war es auffallend, daß er ſich jedesmal beim Arbeiten mit lächerlicher Sorgfalt einſchloß und ſchon angſt wurde, wenn Genovefa nur leiſe andeutete, daß ſie doch gern einmal anſehen möchte, was er treibe. Sie dachte, er arbeite gewiß ins Blaue hinein, ohne Maaß und Ziel, ohne einen Grund— gedanken; er ſchaffe nicht, ſondern ſpiele auf der Leinwand wie die Kinder auf dem Papier. Dennoch wurde Genovefas Neugier immer größer, je mehr Tobias Abſo derungsſucht und Eifer wuchs. Eines Tages war ihr der Zufall günſtig, ſie ſchlich in die Werkſtatt und verbarg ſich hinter dem Vorhange, welcher vor einem alten lebensgroßen Gemälde hing.— Bald darauf hörte ſie den Wahnſin— nigen die Treppe herauf kommen, ſorgfältig das Schloß an der Thür unterſu— chen und aufſchließen. Jezt ſchlich er mit ſchlauem Lächeln an das große Oelge— mälde, rieb ſich fröhlich die Hände, zog dann leiſe die Leinwand„mit welcher er das Bild vorſichtig behangen hatte, zurük und betrachtete ſein Kunſtwerk mit ſihtbarem Behagen. Genovefa fürchtete, ſich zu verrathen und ſtand des halb lange lauſchend hinter ihrem Verſteke; als der Wahnſinnige ſich aber endlich hin⸗ ſezte und im Anſchauen ſeines Gemäldes ganz verſunken war, ſchlich ſie auf den Zehen hinter ſeinen Stuhl und betrachtete das geheimnißvolle Gemälde. Sie ſtand und ſah und ihre Augen füllten Thränen, denn ſie hatte ein wirkli— ches Kunſtwerk von tiefergreifender Wirkung und hoher Originalität, welche hart auf der Linie zwiſchen kühner Größe und bizarrer Uebertreibung ſtand, vor ſich.— Das ganze Gemälde ſtellte einen Spieltiſch dar. Kein Zug war dem Beobachtungsgeiſte des Künſtlers entgangen; die Lebenswahrheit der Figuren, die Ortseigenthümlichkeiten, das Charakteriſtiſche in den Nebendingen, welche zum Ganzen beitrugen, Alles ging zu einer ergreifenden Totalwirkung in einander. Das Bild zeugte von merkwürdig ſcharfer Beobachtung und Naturwahrheit. In den Lichtwirkungen und einzelnen Bizarrerien gehörte es der Rembrandtſchen Kunſtrichtung an.— Von der einen Seite des Gemäldes bis zur andern zeigte ſich eine Spielergruppe, welche gedrängt, gedrükt und kaum athmend gor einem Spieltiſche ſtand. Das Bild verſezte in die Stimmung, welche jeden ruhigen Beobachter, der Kopf und Herz auf dem rechten Fleke hat, befällt. Die unſeli— gen Spieler! man ſah es ihnen an, wie dem einen die Angſt die Kehle zuſchnür⸗ te, wie jever mit teufliſchenm Behagen ſelnes Gewinnes gewiß zu ſein ſchien, wie der Dritte in ſtiller Wuth die Zähne zuſammenbiß und dem Vierten vor Verzweiflung das Herz erbebte. Auf dem Tiſche lagen Karten, Banknoten, Goldbaufen. So eben war dem Tailleur der Spruch entfahren:„Rien ne va plus; le jeu est fait!“— Noch eine Minute weiter und ſeine langſame, ſchnar— rende, monotone Stimme rief das bedeutungsſchwere:„Joire perd, rouge agnes!?!?
Tobias ſaß lange bewegungslos vor der Leinwand. Jezt nikte er mit dem Kop fe, ſuchte in der Weſtetaſche, nahm einige Kupfermünzen, warf ſie mit ſchau— vigernſtem Geſichte auf den gemalten Tiſch und that ganz als ob er ſpiele, als


