Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
559
 
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Da trat ein junges Weib in ein Hotel garni des Palais-Noyal und erkundigte ſich mit ſichtbarer Angſt und Eile nach dem Maler Tobias Vandael aus Brüſſel.

Ich brauche wohl kaum noch aus zuſprechen, was der Leſer bereits errieth. Genovefa war die Fremde. Mit ſchwerem, ſehnſuchterfülltem Herzen harrte ſie daheim auf einen Brief, dann auf Aufſchluß über dieſes räthſelhafte Schweigen ihres Gatten, dann auf eine Erklärung, weshalb er ſich das Geld, ja ohne ihr etwas davon zu ſagen, nachſchiken ließ. Immer ahnungsbanger, trüber wurde die Verlaſſene. War er ihr untreu geworden? War ihm ein großes Unglük, das er ihr verheimlichen wollte, widerfahren? Wohl ein Unglük, das heilloſeſte, was ſich denken läßt! Sie machte ſich auf die Reiſe nach Paris, wollte ihn ſe ben, hören; er ſollte ſie ſehen, hören wenn ſie beiſammen, war Alles, Alles wieder gut ſo meinte ſie. Und ſie kam und ſah und börte und ſie fand einen Mann, der kein Mann war, einen Irren, der ſein Weib faſt nicht wiederer kannte, ſich über ihre Ankunft nicht freute, nicht betrübte. Nicht ihr, nein ſich ſelber war er treulos geworden. Als Genovefa ihm in das erloſchene Auge ſah, rang ſie nach Thränen; aber weinen konnte ſie nicht, ſie drükte die Hand krampfhaft ans Herz und that ein Gelübde, das ihr von der Stunde an heilig war, wie ihre beſchworene Liebe.Treue und Beiſtand dem Manne überall und ewig, Treue im Glük, wie im Unglük, ſelbſt im verſchuldeten, iſt Weibes pflicht! dachte ſie und ihre Gedanken wurden zu Thaten: ſind ſolche Thaten nicht mehr als viele geprieſene Kämpfe und Siege der Helden? und wie mauche Gattin hat gehandelt wie Genovefa! Ehre den Frauen, deren Wirken ſtill und' unſcheinbar, deren Opfer, ob ſie auch nicht vor Aller Augen zum Himmel auf⸗ wirbeln, ſondern im Verborgenen bleiben, vor ihm offenbar ſind, der der Men ſchen Thaten wägt. Genovefa ward von Stunde an Tobias unzertrennliche Begleiterin und Führerin; wie Antigone fromm und hingebend ihren blinden Vater leitete, ſo leitete ſie ihn; denn iſt ein geiſtig Erblindeter nicht viel be klagenswerther als der Mann, dem nur der Augen Licht verloſch? Die ſchau⸗ rigſte, völligſte, unſeligſte Blindheit iſt der Wahnſinn!

Von Paris reiſte Genovefa mit Tobias nach Brügge zurük. Sie beſaß von Haus aus kein Vermögen und war früh zur Waiſe geworden; die ganze Innig keit ihres lange verbaltenen Gefühls war dem Manne ihrer Liebe zu Theil ge worden: welch ein Heirathgut! Der Glükliche! Und er hatte es verſpielt, nicht

dieſes Gefühl, dieſe Hingebung, ſondern das Bewußtſein davon der Unſeli⸗ ge! Genovefa arbeitete Tag und Nacht, und beſtritt ſo die Ausgaben ihres kleinen Haushaltes; was würde ſie gethan und gewagt haben, wenn ſie hätte hoffen können, nicht blos die leiblichen, ſondern auch die geiſtigen Bedürf⸗ niſſe des Lebens zu erwerben. Aber die Freude, die Innigkeit, das gegenſeitige Verſtehen waren rettungslos dahin; ſelbſt das lezte Glük im Unglük, das ge genſeitige Tragen des Mißgeſchiks, war ihr genommen. Doch der lezte Schim mer des Glüks, das Bewußtſein treuer Pflichterfüllung, blieb ihr und in dieſem Gefühle konnte ſie unter Thränen doch oft lächeln. Gegen Abend führte ſie ihren Freund oft in der Dämmerzeit vor dem Thore ſpazieren, fern von Welt und Menſchen, fern von Sonnenſchein und munterem Geplauder. Die Bekann⸗ ten redeten ihr anfangs zu, ſie ſolle den Armen ins Irrenhaus bringen, denn ſonſt verliere ſie am Ende noch ſelber den Verſtand oder reibe ſich auf.Laßt mich thun, was ich nicht laſſen kann! antwortete ſie mit feſtem Vertrauen,