558 ben Tiſche zu ſtehen. Endlich ward es wieder ſtill, man ignorirte ihn und ging zur Tagesordnung, zum Spiele über.
Soll ich ſagen: Gott lob! oder Gott ſei's geklagt! Tobias ſpielte wie ein Wahnſinniger und gewann Zug für Zug; und was er gewonnen, ſezte er mit höh— niſchem Lächeln wieder auf's Spiel. Die Tailleurs wechſelten feierlich-ernſte Blike, dann ward es wieder ſtill, ſtill wie im Grabe.— Jezt ſtand Tobias auf, zog eine Cigarre hervor und forderte Feuer! Es ward ihm bemerkt, die Herren bier ſeien keine Kellner und der Spielſaal kein Eſtaminet; es ward ihm mit der Schonung, welche der Spieler dem glüklichen Spieler, dem er ſeinen Ge— winn bald wieder abzunehmen hofft, ſchuldig zu ſein glaubt, getagt, daß hier nicht geraucht werden dürfe. Tobias ſtuzte und rief dann laut auflachend:„Sie haben ganz recht! Auf Wiederſehen... nein, auf nimmer Wiederſehen! Leben Sie wohl!“— Dieſe Antwort that Wunder; die Spielordnung ward ſchnell bei Seite geſchoben, der rigoriſtiſche Croupier apportirte dem ungelenkigen Frem— den Feuer troz dem beſten Pudel; Tobias faltete kaltblütig eine Banknote zum Fidibus zuſammen, die Cigarre brannte und die Rauchwolken wirbelten in die Höhe:— die Spielgäſte murrten, doch Tobias blies ihnen trozig eine Rauch⸗ wolke ins Geſicht und ſie ſchwiegen.— Das Spiel nahm ſeinen Fortgang. Aber es gleicht dem Meere, wer hineinfiel, mag noch ſo rüſtig mit Händen und Füßen arbeiten; der Kraft und Gewandtheit, der Verwegenheit und Verzweiflung la— chen die feindlichen Wellen; immer weiter und weiter treiben ſie den Schwimmer vom Lande ab, der Horizont verſchwindet immer länger; der Unglükliche taucht auf, taucht nieder— er verſinkt im Abgrunde; es iſt aus mit ihm: das Meer hat ſeine Beute verſchlungen; ſein Spiel gewonnen und rubig und ſtill, als ſei nichts geſchehen, rollen die Wogen dahin über dem tiefen Grabe des Ertrunke— nen. Tobias theilte das Loos ſo Vieler! a ö
Als er am nächſten Morgen erwachte, ſtand die Sonne ſchon hoch am Him— mel; doch in ihm war es ſchwarze, dumpfe Nacht. Nicht Alles hatte er verſpielt; noch blieb ihm ſo viel Geld, daß er ſeine Schul den in Paris bezahlen und die Rükreiſe nach Brüſſel beſtreiten konnte. Aber ohne Geld, ohne Ehre Genovefa vor die Augen zu treten, dazu konnte er ſich nicht entſchließen. Viel leichter, viel erträglicher, als Reue und Buße, ſchien ihm ein zweites Auskunftsmittel— der Selbſtmord! Er faßte den Entſchluß, ſich eine Kugel durch den Kopf zu jagen und doch war er erſt zwanzig Ihre alt und das Leben und ſein Weib und ſeine Kuuſt waren ihm ſo lieb! Er lud das Piſtol, er ſezte es an den Mund, er drükte ab; aber ein geheimnißvolles Flüſtern drang ihm ins Ohr, ein geſpen⸗ ſtiſches Leuchten ſtach ihm ins Auge— er ſank zu Boden. Das Vul ver auf der Vfanne war abgeblizt; der Tod warf ſeine Beute verächtlich dem Wahnſinn hin: Tobias lebte noch, körperlich war ihm kein Leid widerfahren, doch das Licht der Vernunft war ihm erloſchen— der Wahuſinn rettete ihn vom Selbſtmorde.
Der Wirth des Unſeligen, welcher in Paris fremd war, fragte nun: „Wer iſt der Menſch? woher? wohin mit ihm?... Ei nun, erſt ſoll er zah⸗ len; die Sachen verkauft, dann mit ihm ins Hoſpital!“— Dieſer Anſchlag war unhuman, hart, vielleicht würde die Polizei auch nicht ohne Weiteres ja dazu geſagt haben; deſto eiliger aber wurde zur Ausführung geſchritten. Je— der machte ſich, ſo gut er konnte, bezahlt.— Der Morgen war gekommen, wo der Unſelige ius Vicétre gebracht werden ſollte. Es war noch früh am Tage.


