55

wie oft gebraucht der Sterbliche ſeine Freiheit nur dazu, das ihm von Gott leſchiedene Glük zum Unglük umzugeſtalten.— So iſt der Menſch: als Tobias allein auf der weiten Welt ſtand, ſehnte er ſich nach häuslicher Beſchaulichkeit; er fand das Weib ſeiner Liebe und fühlte ſich ſo froh, daß die Verhältniſſe es geſtatteten, das holde Mädchen ſchon nach einigen Monaten als liebes Weib heim— führen zu können; aber als nun der Bürgermeiſter mit proſaiſcher Hand den Ehekontrakt aufgeſezt und Prieſtershand den Segen über den neuen Bund ge— ſprochen hatte, da tauchte ſchon in den erſten Flitterwochen eine Reiſeluſt in ihm auf, wie er ſie nie zuvor empfand.

Was man gern möchte, weiß man auch bald mit Gründen zu ſtüzen; So— phiſten ſind wir ja alle. Tobias redete ſeiner jungen Frau ein, jezt ſei es noch Zeit für ihn, eine Kunſtreiſe zu machen; die Heimath ſei ihm ſeit ihrer Liebe doppelt theuer, er brauche nun nicht zu fürchten, ihr draußen untreu gemacht zu werden; als Künſtler aber müſſe er die Welt und die Schäze der Kunſt geſe— hen haben; nach dieſer Reiſe werde er erſt ein ganzer Mann ſein; nach den Un— ruhen des Wanderlebens werde ihm der häusliche Frieden an ſeiner Genovefa Seite doppelt ſüß ſein. Und was konnte Genovefa dem entgegen ſezen? Die Gründe der Weiber ſind gewöhnlich nur Gefühls-, Herzensgründe, welche, und ſind ſie noch ſo wahr, der Verſtandesſchärfe männlicher Sophiſtik nicht ge— wachſen ſind. Auch davon abgeſehen, was konnte ſie Tobias einwenden? Er hatte im Grunde recht. Sie zerdrükte reſignirend die Thräne im Auge, reichte Tobias lächelnd die Hand, traf als gute Hausfrau die nöthigen Vorkehrungen zu ſeiner Kunſtfahrt, geleitete ihn noch eine Streke des Weges und ſagte ihm gefaßt Lebewohl. Erſt als ſie allein wieder nach Hauſe fuhr und ihr nun Alles ſo einſam, ſo verödet war, floſſen ihre heißen Thränen. Sie fühlte ſich recht unglüklich; aber bald durchdrang der Morgenſtern der Hoffnung auf Wiederſe— hen die Wolkennacht der Trennung. So lange der Menſch noch jung iſt, wühlt der Schmerz die Fluthen der Gefühle zwar tiefer auf, aber der Sturm weicht auch ſchneller wieder dem argloſen Vertrauen. Tobias Vandael ging reich mit Gelde, noch reicher mit Schau- und Lebensluſt in die Fremde, nach Frankreich, nach Paris.—„Für einen Wanderer,“ dachte er unterwegs,„der wie ich auf gut Glük, mit vollem Beutel, guten Empfehlungsbriefen und einem empfäng⸗ lichen Geiſte reiſt, iſt Paris ein rieſiger Hohlſpiegel, in welchem ſich alle Strah— len der Intelligenz und Kunſt von allen Enden der Welt her ſammeln; Paris iſt eine Sonne— wir wollen doch ſehen, ob ich ein Adler bin, der ſich von ih— rem Strahlenglanze nicht blenden läßt, ſondern ſich els König der Lüfte in ihrem Schimmer badet.“— Tobias hatte viel Selbſtgefühl; er durfte ſeiner geiſtigen Federkraft ſchon etwas zutrauen, doch ob er ſich nicht überſchäzte? Die Folge muß entſcheiden.

Wie den meiſten Fremden, ſo ging es auch unſerem Tobias Vandael in Paris: anfangs war er wie geblendet, doch bald raffte er ſich auf und drang muthig in das Ladyrinth der Menſchen und Thiere, Albernheiten und Wunder, welche die ſogenannte Hauptſtadt der Civiliſation charakteriſiren, und nach der erſten Aufwallung und Bewunderung bemächtigte ſich des jungen Brauſekopfes eine Stimmung, die ihm neu und deshalb um ſo verlokender war. Nach und nach ſchwanden ihm Vaterland und Werkſtatt, häusliches Behagen und Liebes— glük wie eine ferne Inſel; er gab ſich, wie ein keker Schwimmer, ganz dem