536 Ibr Vater, der erſt merkte, daß es um der Tochter Geſundheit bedenklicher ſtehe, als er geahnet, eilte ihr nach und redete die am Bache Sizende freund— lich an. Sie ſah und hörte nicht auf ihn, ſondern pfllükte Gras und Blumen, flocht davon einen Kranz, ſezte ihn auf ihr Haupt und ſang leiſe dabei: „Er kömmt, der heiß Erſehnte kömmt, Zu holen ſeine Braut!“
Worte, die den Anfang eines Liedes bildeten, das ſie von ihrer ver⸗ ſtorbenen Freundin gelernt und das den Titel:„die harrende B Fan e führte. Mit Mühe konnte ſie der ermattete und tief gebeugte Greis ſpäter auf ihre Kammer geleiten. Sie ſchlief am Tage und in der Nacht keinen Augenblik, ſprach kein Wort und ſang auch nur einmal die bekannten Strophen. Den Kranz ließ ſie ſich nicht nehmen. i
Der beklagenswerthe Zuſtand des Mädchens nöthigte den Alten eine be— tagte Frau als Wärterin und Aufſeherin über das Haus weſen zu beſtellen. Ihm ſelbſt zogen die harten Schläge des Schikſals eine Krank heit zu, die der herbe Kummer gefährlich machte. Wenige Tage darauf, als er die volle Größe ſeines Unglüks kennen gelernt hatte, ſtarb er. Sein leztes Wort war:„Lieschen!“ Er hatte ſie, die noch immer ſtumm auf ihrer Kammer ſaß oder lag und nur je— den Abend mit Gewalt davon abgehalten werden mußte, ſingend und mit dem Kranz auf dem Haupte ihrem Bräutigam entgegen zu gehen, in ſeiner Krank— beit nicht geſehen.
In derſelben Nacht, in welcher der Greis die ewige Ruhe fand, war Lies chens Wärterin, von zu vielen Anſtrengungen ermüdet, eingeſchlafen. Kaum wurde jene dies gewahr, als ſie leiſe ſingend:„er kömmt, der heiß Erſehnte kömmt!“— zur Thüre hinausſchlüpfte, zum Thor hinausſchritt und den Weg elnſchlug, auf welchem Reinhard beim lezten Weggehen ſich entfernt hatte. Da ge⸗ wahrte ſie, ſich umdrehend, den Schatten eines Mannes im Garten. Flüchtig lief ſie zurük, laut ſang ſie:„er kömmt, der heiß Erſehnte!“— lachte und jubelte dazwiſchen und war bald an der Stelle, wo ſie den Bräutigam zu umarmen hoffte. Doch ſie fand ihn nicht. Horchend vernahm ſie Tritte und Gepolter in ihres Vaters Stube. Dorthin flog ſie nun, ſank aber, als ſie deſſen Leichnam erblikte, mit einem Schrei bewußtlos nieder. Die Finſterniß, welche ihren Geiſt umſchleiert hielt, war auf einen Augenblik von ihr gewichen; ihr klares Auge ſah das Schreklichſte und trübte ſich dann in ſtillem Wahnſinn.
Der Böſewicht(denn Reinhard war es wirklich, deſſen Schatten das Mäd— chen bemerkte) ſtand bei ihrem Erſcheinen und Umſinken von Suchen und Wüh— len nach Geld ab und rennte, wie von Furien gepeitſcht, davon. Aber er lief nicht weit, denn die vom Schlummer erwachte Alte war, als ſie Lieschens Vett leer fand und den Lärm hörte, durch eine Seitenthüre nach Hilfe in die nahe Mühle geeilt, und ihr und den Müllerburſchen fiel der Verbrecher in die Hände. Ge⸗ feſſelt überlieferten ſie ihn den Gerichten; dort harrt ſeiner die Strafe für ſei⸗ ne Verbrechen.
Lieschen, jezt blaß, entſtellt und von Wahnſinn befangen, bewohnt noch heute mit ihrer Wärterin das Haus im Thale. Wanderer ſehen ſie nicht ſelten am Bache ſizen, Kränze flechten und ſanft, wie Geiſtergeflüſter, das Lied von der barrenden Braut ſingen; die Bewohner des nahen Dorfes aber— auch mancher ihrer früheren Bewerber— ſtören ſſe nicht, wenn ſie auf den Gräbern ihres


