Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
535
 
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mächtig zu ſeinen Füßen; er hob ſie auf, legte ſie auf ihr Bett, betete ſtill und inbrünſtig und ſprach zulezt gefaßt:Vater im Himmel, dein Wille geſchehe!

Lieschen ſchien ganz über alles Erwarten geſammelt, als ſie aus ihrer Ohn macht erwachte. Doch war es nur die dumpfe Gefühlloſigkeit des tiefſten Wehes. Der Alte, welchem ihr eigentlicher Zuſtand entging, hielt es deshalb für das Rathſamſte, ihr den bitteren Kelch ganz zu reichen und zu erzählen, was er aus der ſicherſten Quelle über Reinhard erfahren hatte und was uns, bis auf eine Greuelthat, ſchon bekannt iſt. Ein Beamter, bei dem der Landmann den Verkauf ſeiner Grundſtüke gerichtlich beſtätigen laſſen wollte, fragte dieſen überraſcht, warum er, der eine lange Reihe von Jahren hier gelebt und einen gewiſſen Wohlſtand erlangt habe, als Greis von dieſem Thale ſich trennen und anderswo anſiedeln wolle? Offenherzig erzählte der Greis den Grund.Ums Himmels willen rief der theilnehmende Beamte aus, als er Reinhards Namen und Stand gehört,gebt Euer Vorhaben auf! Denn wiſſet: der, welcher Euer Schwiegerſohn werden ſoll, iſt ein Mörder. Vald, vielleicht jezt iſt ſein Schlupfwinkel entdekt und den Verbrecher erwartet dann die wohlverdiente Straſe. Hört und ſchaudert vor der Unthat zurük, die wahrſcheinlich nicht die einzige iſt, welche er verübte! Um Geld für ſeine wüſte Lebensart zu gewinnen, erſchlug er in einem benachbarten Orte vor acht Tagen ein junges, recht ſchaffe⸗ nes Mädchen, welches allein das Haus ihrer Dienſtherrſchaft bewachte, fand je⸗ doch nicht, was er ſuchte. Als der Beſizer des Hauſes zurük kam, war das Mädchen eine kalte Leiche und der Mörder ſchon längſt entwichen. Nachforſchungen und Erkundigungen ließen bald keinen Zweifel mehr darüber walten, daß Rein hard derſelbe Reinhard, den Ihr Euer einziges Kind zur Frau und mit ihm Eure ganze Habe geben wollet der Thäter ſei.

Der gute Greis ſtand, wie vom Blize getroffen, ſprachlos da, denn das furchtbare WortMörder hatte ſogleich ſeine ganze Geiſtes- und Körper kraft gelähmt.Geht, ſprach endlich der menſchenfreundliche Beamte(welcher vorher noch die näheren Umſtände der grauſenerregenden Mordthat hinzuge fügt hatte, ohne übrigens bei dem Alten nach dem Aufenthaltsorte des Böſe wichts zu forſchen),geht, armer Mann zu Hauſe, tröſtet Eure Tochter und vergeßt nicht, den Höchſten zu danken, daß er Euch aus großer Gefahr geret tet hat! ö

Unterwegs ſammelte er ſich in ſo weit, daß er beſchloß, ſich an dem jun gen Müller nicht thätlich zu vergreifen, ſondern ihn nur mit kurzen, ſeinen ganzen Abſcheu ausdrükenden Worten aus dem Hauſe zu jagen. Ein Glük für den ſchwachen Greis, daß Reinhard, der ſich, gewarnt von einem ſeiner Spieß geſellen, aus dem Staube gemacht hatte, aus dem Hauſe fort war! Denn ge wiß hätte der Verbrecher in ſeiner Wuth und hauptſächlich in dem feſten Glau ben, der Alte bringe die verheißene Summe mit, wolle ſie ihm aber jezt auf keinen Fall geben, abermals Blut vergoſſen.

Lieschen vernahm die Erzählung ihres Vaters, wie es ihr wahrer Zuſtand befürchten ließ. Einige Mal ſah ſie während derſelben ſtarr nach der Thür und fuhr dabei mit der Hand über die blaſſe Stirn; ein anderes Mal ſpielte ſie lächelnd mit dem ihr vom Geliebten geſchenkten Ring, der mit einem rothen Steine verziert war; zulezt lachte ſie laut auf und ſprang aus der Stube.