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Kräuter für ihr Schäfchen ab und ergözte ſich an ſelnen brolligen Sprüngen, an ſeinem fröhlichen Gemäker; da ſpähete ſie nach Erdbeeren und Nüſſen, um den Vater damit zu überraſchen. Und las ſie nicht Abends aus einem diken Buche Mährchen und Geſchichten und aus einem anderen erbauliche Gebete vor? Konnte ſie nicht in mancher freien Stunde verſchiedene, weibliche Arbeiten, welche ſie die aus der Stadt ſtammende Mutter gelehrt hatte, mit geſchikter, ja kunſtfer— tiger Hand verfertigen?— Wie geſagt, das neunzehnjährige Thalmädchen war zufrieden und glüklich, und all' ihre Sehnſucht, die kühnſten Wünſche waren erfüllt, wenn ſie am Kirchweihfeſt mit einem neuen Kleid, oder mit einem hüb⸗ ſchen Tuch, oder mit einem ſonſtigen, neuen Puzſtük geſchmükt in der Kirche und beim luſtigen Reigen erſchien. Denn welches junge Mädchen, und ſei es ein Engel der Beſcheidenheit und Tugend, iſt frei von einer gewiſſen Eitelkeit, wel— che überall Wohlgefallen zu erregen trachtet? Und gar ein ſchönes Mädchen! Lieschen aber, dem einfachen Naturkinde, konnte man um ſo eher dieſe kleine Schwäche verzeihen, da ſie nur ſelten ihren Puz gebrauchte und nie in der Ab— ſicht, um über andere Mädchen den Sieg davon zu tragen, ſondern weil ihr die bunten Sachen gar zu wohl gefielen.
An einem Sonntage, es war im Mai des vorigen Jahres, ging das hüb— ſche Kind ganz allein aus dem Gottes hauſe durch das in üppigem Grün pran— gende, mit Wohlgerüchen angefüllte und von dem Geſange der Waldvögel wie— derhallende Thal zu ihrer ſtillen Wohnung am Bache. Sie war, ganz im Ge— genſaze zu ihrer gewöhnlichen Laune, trübe und weich geſtimmt; denn der Tod batte in der vergangenen Nacht ihre beſte Freundin, eine Roſe in ihrer ſchöͤnſten Blüte, plözlich geknikt. Geſenkten Hauptes ſchritt ſie langſam vorwärts, die aus ihren Augen hervorquellenden Zähren troknend. Wehmuthsvoll gedachte ſie der Eutſchlafenen, die, wie ſie, an des Vaters Seite froh ihre Tage verlebt hatte, und ihr ſtets eine treue Freundin geweſen war.„Ach! warum mußte ſie ſo früh ſterben? Warum?— Sollte ſie wohl gar aus Gram über den treuloſen Stephan ihren Tod gefunden haben?— Nein, meinte Lieschen, das kann nicht ſein! Denn Marie ſprach ja kein Wort mehr von ihm, ließ keine Klage hören, ſeitdem er ſie böslich verließ. Wie wäre es denn überhaupt möglich, daß die Liebe ein Mädchenherz zu brechen vermöchte! Mein Herz(betheuerte Lieschen für ſich) ſoll gewiß auf dieſe Art nicht aufhören zu ſchlagen, wenn auch(was in der That ſo war) die arme Marie als ein Opfer ihrer verkannten Liebe gefal— len ſein ſollte! Und um am Sicherſten dafür zu ſein, werde ich mich gar nicht verlieben.— Armes Mädchen! Was vermag die kalte Vernunft gegen des Her— zens Stimme! Auch deine Stunde ſollte ſchlagen, nur zu ſchnell ſchlagen, und je weniger du die Gewalt der Liebe kannteſt, deſto furchtbarer ſollte ſie ihre unwiderſtehliche Kraft an dir bewähren!
Unangenehm in ihrem Schmerze wurde Lieschen berührt, als ſie zu Hauſe einen fremden Mann in eifrigem Geſpräche mit ihrem Vater antraf, ſie nahm ſich kaum die Mühe, ihn beim Gruße anzuſehen, eilte hinaus und beſorgte das Mittagsmahl. Als es Eſſenszeit war, wollte ſich der Fremde entfernen; aber der Alte, welcher Geſchmak an dem Menſchen und ſeinen Erzählungen zu finden ſchien, lud ihn zum Bleiben. Der Fremde war, wie das Mädchen jezt erſt be⸗ merkte, groß und hübſch und nicht übel gekleidet. Im Verlauf des Geſprächs erwähnte er, daß er durch unglükliche Verhältniſſe genöthigt, das Jaͤgerhand⸗


