Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
510
 
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obne doch jemals ihrer natürlichen Sanftmuth und jungfräulichen Sittſamkeit das Geringſte zu vergeben. Auch vermochte nicht Einer ihrer Bewerber ihr we gen ihrer Sprödigkeit zu zürnen; im Gegentheil beeiferte ſich Jung und Alt bei Tänzen und Spielen, bei Kindtaufen und Hochzeiten, Thallieschen ſtets gleiche Aufmerkſamkeiten zu beweiſen. Mancher mochte wohl immer noch wähnen, den Preis zu erringen und das Mädchen heimzuführen. Aber wenn ihr Vater (die Mutter war vor mehreren Jahren geſtorben) und ihre Verwandten in ſie drangen, einem der Burſche die Hand zu reichen und vorzugsweiſe den zu wäh len, der des Schwiegervaters Wirthſchaft übernehmen und ſo dem Greiſe in ſei nen alten Tagen wohlverdiente Ruhe verſchaffen werde, eilte Lieschen erröthend und ſchmollend davon, und ihre einzige Antwort war:ich mag nicht heirathen; es geht mir ſo gut bei meinem lieben Vater, daß der beſte Ehemann mir den ſelben nicht erſezen wird. Der gute Alte, welcher ſein einziges Kind zärtlich liebte und nur mit Schmerzen an eine Trennung von ihr dachte, fühlte ſich ge ſchmeichelt und beruhigt durch ſolche Worte und ſagte kurz abbrechend zu den drängenden Freunden:kömmt Zeit, kömmt Rath; wenn der Rechte erſcheint, wird ſie ſchon zugreifen! So vergingen einige Jahre, und noch blieb ihr Herz unberührt von den Pfeilen des gefiederten Gottes. Morgens, wenn die Sonne die Gipfel der hohen Berge wie mit einem goldenen Saume einfaßte, ſprang ſie von ihrem beſcheidenen Lager auf, betete in kindlicher Unſchuld und Inbrunſt ihr Morgengebet, wuſch ſich im klaren Waldbach, der durch ihren klei nen Garten murmelnd lief, kleidete ſich an, beſorgte die nöthigen Arbeiten, füt terte das Vieh und vor Allem ihr zartes Lamm und das ſchmuke Federvieh, wel ches ſchon lange vorher durch die verſchiedenartigſten Töne ſeine Ungeduld an den Tag legte und die mit dem Fruchtkörbchen erſcheinende Herrin mit munterem Geſchrei bewillkommnete, und lauſchte dann vorſichtig und leiſe, ob der Vater ſchon erwacht und angekleidet ſei, damit ſie das in Milch und Brod beſtehende Frühſtük hereinbringe. Nach einem herzlichen Morgengruß ſezte man ſich zum Imbiß und beſprach dabei wirthſchaftliche Angelegenheiten. Das arbeitſame und verläßliche Lieschen horchte geſpannt auf die Befehle des Alten und war nach aufgehobenem Frühſtüke ſogleich beſorgt, mit flinker Thätigkeit meiſt Alles ſelbſt zu ordnen, oder mit Hilfe des Knechtes verrichten zu laſſen. Denn der ſechzig jührige Vater, welcher in ſeiner Jugend und in ſeinem Mannesalter im Schweiße ſeines Angeſichts ſich Brod geſchafft und durch ſeiner Hände Fleiß ſich Haus, Hof und Feld erworben hatte, war jezt ſchwach und kränklich. Deshalb geſtattete es die brave Tochter nur ſelten, daß der Vater anſtrengende Arbeit, Gänge auf das Feld oder in den Wald unternehmen durfte. Lieber unterzog ſie ſich der be ſchwerlichſten Arbeit, verſagte ſich in der Woche und an Feiertagen die kleinſte Erholung, nannte ſie doch dafür der Vater wohl hundertmal des Tages ſei ne liebe, gute Tochter. Aber nein! ſie hatte ja auch ihre Freuden und Genüſſe. Ein Gang durch das anmuthige Thal zur Wieſe, in Begleitung ihres treuen, munteren Lammes, oder auf die Felder, die an den Bergen lagen, oder ins Gebirge, um nach dem Vieh zu ſehen, oder zur Mühle, um das Mehl zu be ſorgen, das waren auch Erholungen für das fleißige Thalmädchen. Da ſam melte ſie Blumen, band ſie zum bunten Strauß und ſchmükte damit ihres Va ters kleines Zimmer; da wand ſie Kränze, um das über ihrem Bette hängende Muttergottesbild zu verzieren; da rupfte ſie die ſaftigſten und wohlſchmekendſten