Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
472
 
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Kalis, von ſeinem Kunſtausfluge zurük gekehrt, gab den Narren recht ſchar mant; er wurde lebhaft empfangen. Am 18. ſahen wir Hrn. La Roche, als Doktor, in Raupach's Poſſenſpiel:die feindlichen Brüder, oder: Doktor und Apotheker(hier getauft:Homöopath und Allopath). Das Poſſenſpiel iſt ein Poſſenſpiel, worin den Kurmetho den unſerer Zeit ſo mancher Poſſen ge ſpielt wird, wobei man lacht und ſich das rechte Medium tenuere beati heraus nehmen kann. La Roche lieferte eine ganz köſtliche, ſehr ergözliche Karrika tur, ſchon in ſeinem äußern Erſcheinen, in allen ſeinen Bewegungen lag eine ei gene vis comica. Hr. Berg, als Apo theker, gab ein vorzügliches Gegenſtük. Am 19. ſpielte unſer Gaſt den Crom well in Raupach's effektvollem Drama: Cromwell's Ende und feierte neue Triumphe ſeines ſiegreichen Talentes. Von erſchütternder Wirkung war das Spiel des Künſtlers in den beiden lezten Akten das zahlreiche Publikum ſpen dete der klaſſiſchen Leiſtung enthuſtiaſti ſchen Beifall. Eben ſo glänzend entfal tete Mad. Kalis ihre Meiſterſchaft auch ihr wurde laute Anerkennung zu Theil. Tags darauf kam als Bene fiz unſeres hochgeſchäzten Gaſtes:das milde Urtheil, Trauerſpiel in 5 Ak ten, von Fr. Halm, zur erſten Auffüh rung. Es iſt ein herrlich geſchriebenes Drama, nicht ohne Bühneneffekt, ein Seitenſtük zurGriſeldis, denn auch bier dreht ſich Alles um das Unglük ei nes Weibes, doch die Theilnahme für ſelbes iſt geringer, denn es iſt nicht das reine, edle Weib, das wir bedauern, es iſt die gefallene Gattin, die vom Ve wußtſein ihrer Schuld darnieder gebeugt wird. Hr. La Roche war ausgezeichnet. Trefflich Mad. Grill. Ausführlicheres behalte ich mir für die nächſte Nummer vor. Die Aufnahme war nicht ungünſtig. Semper idem.

Literatur.

Literariſches Portfolio. Wie gering in London die Einſicht in die deutſche Literatur im Allgemei nen noch iſt, obgleich man ſich vielfach damit beſchäftigt, beweiſen die Vorle ſungen, welche von einem Hrn. Hirſch in Willis-⸗Rooms über deutſche Literatur vor einem ziemlich zahlreichen Audito rium gehalten werden. Nach den Arti keln in Londoner Zeitungen darüber ſollte man denken, Hr. Hirſch wäre eine der erſten ſprachlichen und äſthetiſchen Au toritäten Deutſchlands; und ſein Ruhm iſt ſogar bis in deutſche Blätter gedrun gen. Er gibt ſich für ein Mitglied der Univerſität zu Berlin aus, iſt aber ganz untrüglichem Vernehmen nach Nie mand anders als ein Goldarbeitergeſelle aus Königsberg, ohne alle wiſſenſchaft liche oder auch nur allgemeine Bildung und ſoll nicht einmal ort hographiſch zu ſchreiben verſtehen. Voriges Jahr kam er nach London, um Arbeit in ſeinem Berufe zu ſuchen, und da er dieſe nicht fand, ſo unternahm er, vertrauend auf ſeine Anlage zur Charlatanerie u. ſein angenehmes Aeußere, Vorleſungen über deutſche Literatur zu halten, und redet mit großem Beifall über Nibelungenlied, Klopſtock, Göthe und Schiller. Er läßt ſich dabei etwas unter die Arme greifen von einem dort lebenden ſehr kenntniß reichen und wiſſenſchaftlich gebildeten Deutſchen, der ſich den unverzeihlichen Spaß macht, die faſhionable Welt Lon dons zu dupiren. Ein Korreſpondent für dieElbinger Anzeigen ſpricht über Theaterkritikomanie ein draſtiſches Wort.Warum wird ſo viel, ſo lang und ſo breit üben das Theater geſchrie ben? Scheint es doch, als hätte das heilige, römiſche Reich keine andern In tereſſen zu überwachen, als die der Vret ter und Kouliſſen, und als figurirte die ganze deutſche Nation entweder darſtel