Jahrgang 
Band 2 (1840)
Seite
470
 
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ich fliege in mein Zimmer zurük und werfe mich wiedet auf's Bett, indem ich mit Gewalt meiner aufrühreriſchen Phantaſie Feſſeln anlege. Die Nacht ging endlich vorüber. Mein erſter Gedanke am Morgen war wieder der braune Mann. Ich ſchämte mich der geſtrigen Extravaganzen, und da ich jezt ſehr nüchtern war, ſo hoffte ich beſtimmt, mein Räthſel werde ſich mit der größten Leichtig keit noch heute löſen.

Ein Freund trat herein, den ich ſeit Jahren nicht geſehen und dem ich hier ein Rendez-vous gegeben. Wir flogen einander in die Arme, aber ſtatt ihm auf ſeine Fragen zu antworten, ſtatt von tauſend wichtigen Dingen mit ihm zu ſprechen, bringe ich ſogleich den braunen Mann auf's Tapet. Ich führe meinen Freund an's Fenſter und zeuge ihm die graue Stube. In dem Augenblike wird drüben die Thür geöffnet und wir ſehen ein junges Mädchen in Begleitung ei⸗ ner ältern Dame hereintreten. Das junge Mädchen iſt auffallend bleich; nach einigen Minuten fällt ſie auf einen Stuhl, und es ſcheint, daß ſie in Ohnmacht liegt. Die ältere Dame und der braune Mann ſind um ſie beſchäftigt und der Leztere beſchreibt mit ſeinen Händen ſehr ſonderbare Zeichen in der Luft. Ich hab's jezt! rief mein Freund,der braune Mann iſt der berühmte Magnetiſeur, der ſeit einer Woche ſchon in dieſer Gegend erwartet wird. Mit dieſer Bemerkung verließ mich der Freund, um einige Geſchäftsgänge abzu⸗ thun. Ich ſeze mich an's Fenſter, indem ich vor mir hinſprach:Alſo ein Magne⸗ tiſeur! Deshalb die vielen Schachteln, in denen wahrſcheinlich geheimnißvolle Apparate verborgen waren! Deshalb war es ihm hier zu geräuſchvoll! Ja, es iſt richtig! Wie freute ich mich, meinen Freunden dieſe Entdekung melden zu können. Nun war Alles erklärt. Ein Magnetiſeur thut gut, immer einen Ne belſchleier um ſich her zu verbreiten; es fördert ſein Geſchäft. Der braune Mann hatte vollkommen Recht, ſo zu handeln, wie er handelte. Ich war mit dieſer Schlußfolge eben fertig, als mein Freund wieder in's Zimmer trat, mit ihm ein kleiner, diker, freundlicher Mann mit rothen Pausbaken.Mein guter Viktor, rief mein Freund,ich habe mich geirrt. Hier bringe ich dir den be rühmten Magnetiſeur, Herrn Doktor Weilberger. Er traf mich auf der Gaſſe, hatte einen Brief an mich, und ich bat ihn, mit uns zuſammen zu Mittag zu eſſen. Mit welchem Entſezen ich meine ſtumme Verbeugung machte, läßt ſich nicht beſchreiben. Zum Glük waren der Doktor und mein Freund ſo ſehr mit Komplimenten, die ſie einander ſagten, beſchäftigt, das Keiner auf mich achtete. Ich warf einen Blie aus dem Fenſter und ſah nach wie vor in der grauen Stube jene Gruppe, die ich eben beſchrieben.Alſo kein Magnetiſeur! rief ich, und in meinem Kopfe wurde es wüſt. Das Mittagsmahl kam, ich konnte keinen Biſ⸗ ſen anrühren. Ich ſah voraus, daß es in der Nacht zum Fieber mit mir kommen würde, wenn ich nicht irgend ein verzweifeltes Mittel zu meiner Heilung an⸗ wendete. Ohne recht zu wiſſen, was ich that, lief ich über die Straße in das gegenüberliegende Gaſthaus. Ich fragte nach dem braunen Mann; er war eben ausgegangen. Ich ließ mir das Fremdenbuch geben, und unter der bezeichneten Nummer fand ich einen Namen eingetragen, den ich nicht entziffern konnte. Was balf mir auch ein Name? Ich beſchloß, ſo lange zu warten, bis der braune Mann wieder heimgekehrt ſei. Es verging eine Stunde, es vergingen zwei; endlich hörte ich das Zimmer des braunen Mannes aufſchließen. Er war es ſelbſt; ich erkannte ihn ſogleich, obgleich es ſchon halb finſter war. Im Au⸗