442
er taglich zu dem Gaſthofe, wo er hoffen durfe, ihn zu finden, immer die vier— undvierzig Kreuzer in den von der Arbeit geſchwärzten Händen. Wochen ver— ſtrichen, und noch hatte ſich der gute Herr nicht in der Stadt bliken laſſen. Oft hatte der brave Knabe nichts zu eſſen und mußte ſich hungrig auf den harten Erdboden zur Ruhe legen; oft ſtand er in drükender Sonnenhize hungrig, aber harrend vor dem Gaſthauſe. Dennoch widerſtand er der Verſuchung und rührte keinen Kreuzer von dem fremden Gelde an. Wohl machte er nicht ſelten, wenn er nicht einmal ein Stükchen Brod zur Stillung ſeines Hungers hatte, im Gedanken die Berechnung, daß er mit den ihm anvertrauten vierundvierzig Kreuzern eine Woche alle ſeine beſcheidenen Bedürfniſſe beſtreiten könne; aber die Ueberzeugung:„das Geld iſt nicht dein und du wäreſt ein Dieb, wenn du es nicht zurükgäbeſt“— beſtärkte ihn in dem einmal gefaßten Vorſaze, daſſelbe redlich und richtig dem Eigenthümer zu überliefern. Und end— lich— o welche Freude!— gewahrte unſer Kleine den heiß erſehnten Offizier. Raſch fliegt er auf ihn zu, erzählt ihm in vor Wonne abgebrochenen Säzen, daß er keine Schuld an der verzögerten Abgabe der vierundvierzig Kreuzer tra— ge, daß er täglich hier des Herrn geharrt habe und froh ſei, ihm hiermit das Seine übergeben zu können. Zugleich bedankt er ſich wiederholt und ſehr demü— thig für die vor mehreren Wochen geſchenkten zwei Groſchen. Der Offizier, wel— chem jezt erſt die für ihn damals ſo unbedeutende Sache ins Gedächniß zurükge— rufen wurde, war erſtaunt und gerührt von der ungeſchminkten und ſeltenen Redlichkeit des kleinen, armen Slowaken. Freundlich redete er mit ihm, ließ ihm die ſo heilig bewahrten vierundvierzig Kreuzer, ermahnte ihn, auf dem ein— geſchlagenen Wege fortzugehen, lobte und beſchenkte ihn noch außerdem und for⸗ derte ihn auf, jedesmal, wenn er ihn hier ſehe, in das Gaſthaus zu kommen, um einen Zwanziger abzuholen. Doppelt belohnt durch die Herzlichkeit und durch die Geſchenke und Verſprechungen ſeines Wohlthäters eilte der gute Kleine fort; das Ereigniß ſelbſt aber verbreitete ſich überall, und laut pries man den armen, redlichen Slowaken.
Wohlthuend und ergreifend ſind für den gefühlvollen Menſchen derglei— chen Züge in unſerer, ach! nur zu verderbten Zeit. Mag Aehnliches hie und da noch oft geſchehen— Handlungen und Geſinnungen ſolcher Art und bei ei⸗ nem rohen Naturkin de verdienen immer allgemeine Beachtung und ſind ein ſchönes Zeichen der Zeit. Und dann beweiſen ſie nicht klar und deutlich, daß Tugenden nicht angelernt zu werden brauchen, ſondern das ſichere Erbtheil jedes un verdorbenen Menſchen ſind und ihm bleiben, ſo lange er ſein Kleinod— den ihm inne wohnenden Sinn für das Rechte— wahre? Ehre und öffentliche Anerkennung deshalb dem armen, fern von den Seinen in gefährlichen Alleinſein lebenden, vielfachen Verlokungen aus— geſezten Knaben! Dank auch dem menſchenfreundlichen Offizier, deſſen Rede und That ſich in dem Kleinen einen Eindruk zurükgelaſſen hat, welcher für Lezteren nur wohlthätige Früchte hervorbringen wird!). Dr.
5) Sollte Jemand ſich für den kleinen, ehrlichen Slowaken beſonders intereſ— ſiren, ſo beliebe man ſich nur durch die verehrliche Redaktion des Spiegels an den Einſender dieſes Artikels zu wenden. Dr. R.
——


