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keine große Stadt. Von Reiſen, die die Berliner machen? Eben weil ſich eine Reiſe erſt der Mühe verlohnt, wenn man 20 Meilen unintereſſanter Wüſte— neien hinter ſich, d. h. wenn man nach Leipzig oder Magdeburg gekommen iſt, ſo können verhältnißmäßig nur ſehr we— nig Berliner auf Reiſen gehen. Wenn die Eiſenbahn nach Leipzig fertig iſt, wird Berlin großſtädtiſcher werden. Wien. Der Nürnberger Korre— ſpondent enthält Folgendes:„Ludwig Scotti, öffentlicher Geſellſchafter der Tuch handlung zum„Kaiſer von Oeſter— reich“ in Wien, war ſeit längerer Zeit wegen Wechſelfälſchung flüchtig gewor— den. Stekbriefe verfolgten ihn, u. der Magiſtrat hatte ſchon amtlich den Kon— kurs über ſein Vermögen verlautbart. Plözlich kam er in der Nacht vom 14. auf den 15. v. M. hier an, und poch— te an ſein Haus, am Eke des hohen Markts(einer der belebteſte Pläze Wiens) Nr. 424; der Haus meiſter öffnete, ließ ihn paſſiren, verriegelte aber ſchnell wie— der, und rannte nach der nahen Poli— zei-Oberdirektion, den Vorfall anzuzei— gen. Mittlerweile hatte Scotti die von dem Wechſelgericht verſiegelte Thüre ſei— ner Wohnung gewaltſam erbrochen, und nahm unbekümmert davon Beſiz. Noch vor Anbruch des Tages waren die Die—
ner der Gerechtigkeit gekommen, und
fanden die Thüre zu Scotti's Woh— nung offen. Sie traten ein und trafen ihn im Bette liegend.„Keinen Schritt vorwärts!“ herrſchte er ſie an, zwei Piſtolen aus der Bettdeke ziehend,„den Erſten, der ſich mir zu nahen wagt, ſchieße ich über den Haufen!“ Das war deutlich geſprochen, u. wurde auch ver— ſtanden; im Nu war die Wohnung ge— räumt, und die Eilenden hörten noch die Thürflügel zuſammenklappen und verriegeln. Nun, da man ihm mit Ge— walt nicht beikommen konnte(2), be⸗ ſchloß man wahrſcheinlich, den Löwen in
ſeiner Höhle auszuhungern. Das Haus war von allen Seiten von Polizeibeam— ten förmlich beſezt; an ein Entkommen war nicht zu denken, aber einzudringen wagte auch Niemand mehr. Indeſſen war die Sache laut geworden, und die Zahl der Gaffer auf der Straße wuchs von Stunde zu Stunde. So verſtrich der ganze Vormittag. Nachmittags gegen 4 Uhr kam Scotti's Geliebte, Roſine Alina, eine Tapeziererstocher aus Wien, jung und bildſchön, nach der die Poli— zei geſchikt hatte, um vielleicht durch ſie den Rebellen zu überwältigen oder aus— geliefert zu erhalten. Sonſt hielten ſich die Belagerer paſſiv, nur daß die Poli— zei gegen Abend Jemanden aus dem Hauſe durch die Wache fortführen, einen Andern aber in einer Senfte wegſchaf— fen ließ, wahrſcheinlich um das Publi— kum zu täuſchen: der Rechte ſei ſchon transportirt;— aber man muß nur die neugierigen Wiener kennen, um zu wiſſen, daß ſie nicht früher ſich zufrie— den geben, als bis ſie das corpus de— licti ſehen. Das Gedränge wuchs von Stunde zu Stunde, u. ſelbſt die Nacht verſcheuchte die Harrenden nicht. Plöz— lich, um 11 Uhr Nachts, hört man ei— nen Schuß, eine Minute ſpäter einen zweiten, darauf einige Ach! und Oh! im Publikum, u. einige Minuten Tod— tenſtille. Nach einer halben Stunde erſt fuhr ein Wagen vor das Haus; zwei Männer ſtiegen heraus, und wagten es, nach der Stätte des Todes unbe— waffnet zu gehen, denn daß Scotti und jenes unglükliche Mädchen, das man als Mittel gebraucht hatte, todt ſeien, war außer Zweifel. Es wurde die Thü⸗ re gewaltſam aufgeſprengt, ſo zwar, daß man vom vierten Stok werke bis auf die Gaſſe das Einfallen der Thür flügel hörte, und man ſah das erſte Zimmer leer, im zweiten aber zwei Leich— name. Scotti hatte ſich und ſeine Ge—
liebte durchs Herz geſchoſſen. Eine ge—


