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284 Thiermedicinische Rundschau etc.
1892. Nr. 24.
ab von dem Grade der betreffenden kiünstlich erreichten Immunität, worauf Ehrlich zuerst aufmerksam machte. Je empfindlicher ein Thier von Natur aus gegen eine In- fection ist, um so wirksamer ist dann sein Serum, wenn es einmal gegen die Affection künstlich gefestigt ist. Dir Wirkung ist also direct proportional der erreichten Schutzhöhe. Durch die soeben erwähnten Facten war also dargethan, dass bei der kinstlichen Immu- nisirung sich chemische Stoffe im Körper oder richtiger im Blute ansammeln, die löslich sind und speecifischen Schutz verleihen, und die weiterhin auf Thiere übertrag- par sind. Die Art nun, wie durch diese Sup- stanzen der specifische Schutz zu Stande kommt, ist verschieden für die von mir oben unterschiedenen toxi- schen und septichäwischen Erkrankungen.
Bei den ersteren sind die Verhältnisse klarer, man praucht hierzu nur folgendes Experiment zu machen: Läisst man ein solches Serum z. B. von einem gegen Te- tanus künstlich immunisirten Thiere auf Tetanusbacillen einwirken, so bekommt man keinen Einfluss; dieselben wachsen ausgezeichnet. Auf die Bacillen selbst haben diese Gegenkörper gar keine Wirkung. Vermischt man dagegen keimfreies Tetanusgift, also ohne Bacillen, in einem Glase, so wird das Gift nach ganz kurzer Zeit völlig zerstört. Also wit anderen Worten, diese Substanzen sind antitoxisch, sie sind ein spe- cifisches Gegengift, aber sie sind nicht desinficirend, pacterientödtend. Bei einem Thiere also, welches solche Gegengifte in sich hat, wachsen die Diphtherie- und Te- tanusbacillen noch sehr gut; aber das specifische Gift. das sie bilden und das sonst das Thier vernichtet, wird sofort durch das Gegengift zerstört. Piese Thiere sind giftkest, aber nicht immun. Für die septic hämischen Erkrankungen, wo wir, wie erinnerlich, auseinander- gesetzt haben, dass wir unbedingt die Bacterien selbst im Körper zerstören müssen, ist diese Frage noch unent- schieden; während Emmerich behauptet, dass das Blut- serum von PThieren, die künstlich gegen Schweineroth- lauf gefestigt sind, die Bacterien selbst beim Contacte mit denselben tödtet, leugnete die französische Schule, vor allem Metschnikoff, dieses vollständig. Diese nimmt vielmehr an, dass zur Zerstörung der Bacterien selbst nach wie vor die Zellen herbeigezogen werden müssen. Für die Septichämien erkennt sie also pei der Immunität nur die Wirksamkeit der Ihnen be- kannten Phagocyten an. Für die toxischen, 2. B. den Tetanus, nehmen sie folgenden Standpunkt ein: Bei der künstlichen Festigung wird durch die Gegen- körpor im Blut das specifische Gift zerstört; die Bacte- rien jedoch, die auch dann noch, wie gesagt, im Körper weitérleben und sich vermehren können, da auf sic ja das Blutserum gar keinen Einfluss hat, werden dann, da sie ihrer Giftigkeit beraubt sind, von den Leucocyten aufgenommen und vernichtet. Die Gegengifte kom- men jedoch ausser im Serum noch in einem an- deren Körpersaft vor, nämlich in der Milch, wie die letzte hochbedeutende Mittheilung von Ehrlich ge- zeigt hat. Derselbe wies nach, dass junge Thiere durch Säugung von künstlich immunisirten Ammen ebenfalls Schutz gegen die betreffende Infectionskrankheit erhal- ten, gegen die die Amme immunisirt wurde. Die Nutz- anwendung auf grössere Thiere ist von Brieger und Ehrlich gemeinschaftlich ausgeführt worden.
Ich habe Ihnen hier eine derartige Milch, die z. B. gegen Tetanus Schutz gewährt, mitgebracht, und zum Beweise, wie ungeheuer energisch diese Sub- stanzen sind, genüge es zu wissen, dass mit 100 cem der- selben eine Maus gegen Infection geschiützt wird, die eine andere sicher tödtet. Die Ziege, von der diese Milch stammt, giebt etwa 1 bis 1 ½ 1 derselben Milch. Sie können also damit pro Tag etwa 100 000 Mäusen Schutz verleihen, und wenn Sie pedenken, dass natürlich der Antikörper nur einen verschwindend kleinen Bruchtheil der in dieser Milch vorhandenen Stoffe ausmacht, die
sich fast von einer normalen durchaus nicht unterscheidet⸗ so können Sie sich eine Vorstellung von der ungeheuren Kraft dieses Gegengiftes machen. Bei der Milch ist der Gegenkörper in der Molke enthalten. Beim Ausfüllen des Kasein bleibt er völlig im Filtrat zurück. Ueber die Art und Weise nun, wie denn die Gegen- gifte im Serum etwa zu Stande kommen, sind erst in neuester Zeit Mittheilungen erfolgt. Es gelang nachzu- weisen, dass gewisse Zellen des Organismus, So die in der Thymus vorbandenen Lymphocyten, giftzerstörende Stoffe bergen. Weiter ist Botkin der Nachweis gelungen, dass bei den zu Schutzimpfungszwecken gegen Tetanus vor⸗ genommenen Injectionen bei Kaninchen immer sofort nach der Injection ein vermehrtes Auftreten gerade dieser Zellen im Blute und daraufhin ein Zerfallen derselben stattündet. Dadurch werden natürlich die in den Zellen enthaltenen antitoxischen Stoffe frei und lösen sich so im Blutplasma auf. Der Stoff nun in den Bacten rienculturen, welcher diese Wirkung auf die Zellen ausübt und damit den Schutz und die Immu- nitüt hervorpringt, ist in den Bacterienleibern selbst ent- halten. Es würde mich über den Rahmen des hier Vor- zutragenden hinausführen, wenn ich Ihnen die grosse Anzahl der zu diesen Nachweisen nöthig gewesenen Ex- perimente aufzühlen wollte.
Sie sehen nun hier ein Thier, das vor eini- gen Tagen von der Ihnen demonstrirten Milch twas injicirt bekam und darauf mit Tetanus ge- impft worden ist. Sie schen, es ist völlig gesund, wäh- rend ein anderes Thier, das geimpft wurde, ohne dass es Milch erhalten hat, schwer érkrankt ist. In dem Blute dieses Thieres kreist der mithineingebrachte Antikörper und schützt es so. Indessen, da fragt es sich nunmehr, wie lange hält denn dieser Schut? an? de Phat ist er ein zeitlich sehr begrenzter; nach etwa 50 Tagen ist er zum allergrössten Theil verschwunden. Das ganze Gegengift ist dann wieder ausgeschieden. Wie verhält sich nun aber dagegen das Thier, das wir künst- ſch nach und nach durch Bacterienzellsuhstanzen gegen Petanus gefestigt haben, das also dieses Gegengift, wel- ches ich hier injicirt habe, im Blute selbst bereitet und ſiefert? Da verhält sich dies ganz anders. Wir haben Thiere, die wir vor etwa 9 Monaten vaceinirten, z. B. gegen Schweinerothlauf, und die heute noch gerade so unempfänglich sind, wie zu Anfang. Das ist also ein grosser Unterschied, der festgehalten werden muss. Durch die Uebertragung des Gegengiftes mittels des Serums oder der Milch eines künstlich immunisirten Phieres bringen wir mechanisch einen fremden chemi- schen Stoff in den Organismus, der natürlich sofort wirkt, aber wie alle fremden Stoffe ausgeschieden wird. Durch die künstliche Immunisirung oder Vaceination durch Bacteriensubstanzen versetzen wir gewisse Zellen des Organismus unter solche Verinderungen, dass sie dauernd oder doch sehr lange Zeit die Antikörper immer wieder von neuem produciren und so dem betreffenden Thiere Schutz verleihen.
Pür eine practische Verwerthung ist dieses natürlich von der weittragendsten Bedeutung.
Wenn ich mich nun zum Schlusse zu der Frage einer event. Verwerthung dieser Ihnen hier vorgetragenen Momente für die Heilung der Infectionskrankheiten wende, s0 kann es sich da bei dem gegenwärtigen Stande der Dinge nur um Erwartungen handeln. Die Immunität steht mit der Heilung ohne Zweifel im engsten Zusam- menhang, denn Immunisirung oder Giftfestigung ist weiter nichts, als die Fähigkeit, eine etwaige feindliche Invasion siegreich abzuwehren.
Wenn wir also einen bereits invadirten Organismus, d. h. einen bereits kranken, misiren, 80 sind die Gifte, die ihm sonst verderblicl..—a, für ihn unschäd- lich. Um dieses zu erreichen, hapen wir alsdann zwei Wege, wie wir geschen haben. Entweder wir können ihm die specifische Waffe direct zuführen, sei es durch


