15. September. Thiermedicinische

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Rundschau etc.

Die Ansichten Metschnikoffs gewannen jedoch immer mehr an Boden und waren bis in die neueste Zeit hinein die allgemein herrschenden in dieser Frage ge- wonden. Indessen mit der ungeahnten Erweite- rung unserer Kenntnisse über die Aetiologie der Infec- tionskrankheiten durch Koch began eine neue Aera in der Wissenschaft, und es zeigten sich Thatsachen, welche die ursprüngliche Phagocyten-Theorie mit ihrer vollen Vernachlässigung der chemischen Stoffe nicht er- Klären konnten. Wie ich schon vorher zu bemerken Gelegenbeit hatte, kennen wir jetzt zwei Hauptarten von lnfectionskrankheiten; die septichämischen und toxischen. Als vun der Nachweis geliefert wurde, dass bei den letz- teren die löslichen giftigen Producte dieselben Krank- heitserscheinungen hervorbringen, wie die betreffenden Bacterien selbst, dass also ein Thier gegen diese chemi- schen Gifte geschützt werden kann, ohne dass überhaupt Bacterien vorhanden sind, da reichte natürlich die Pha- gocyten-Theorie, die nur auf den Kampf der lebenden Zellen mit den lebenden Bacterien zugeschnitten war, nicht zur Erklärung aus. In der That müssen wir nach unseren jetzigen Kenntnissen scharf unterscheiden zwischen zwei ganz verschiedenen Arten von Schutz, nämlich gegen die Bacterien selbst und zweitens gegen die von ihnen gebildeten Gifte. Den ersteren Vorgang wollen wir mit dem Namen Immunität bezeichnen, den zweiten dagegen mit dem Ausdruck Giftfestigung belegen. Ich erinnere Sie nun an das Beispiel von dem Milzbrand und dem Peta- nus; in dem einen Fall stirbt das Thier an den einge- brachten Bacterien selbst, in dem anderen Fall erst in- direct durch die Gifte. Ieh möchte das damit vergleichen, wie wenn ein Mensch im Kampfe von einem vergifteten Pfeil schr leicht, z. B. in die Wade, getroffen wird; an diesem Pfeilschuss selbst stirbt er nicht, die einfache Hautwunde ist nicht tödtlich; er stirbt erst an dem von der Wunde aus in den gesammten Körper übergehenden Gifte. Nun kann ich einen solchen Mann, der in den Kampf zicht, auf doppelte Weise zu schützen versuchen: entweder umgebe ich ihn mit einem Panzer, der über⸗ haupt das Eindringen des Pfeiles nicht gestattet, oder ich rüste seinen Körper mit einem Gegengifte aus, dass das Pfeilgift paralysirt. Sie sehen, das ist etwas ganz Verschiedenes, und genau so ist es bei den Infections- krankheiten. In dem Falle, wo, wie beim Milz- brand, der Tod durch die Bacterien selbst eintritt, muss ich das Thier so schützen, dass sich überhaupt in seinem Körper kein derartiger Parasit fort- entwickeln kann; andernfalls dagegen, wo es die Gifte sind, genügt es, das Thier gegen diese festzumachen. Für diese chemischen Stoffe können wir aber eine Zerstörung durch mechanische Aeuss erungen der Zellen nicht in Anspruch nehmen. Hier sind wir auf chemische Einwirkungen angewiesen, und in der That ist der Nachweis des Vorhandenseins derselben durch die neuesten Experimente auf diesem Gebiete unzweideutig testgestellt worden. Da waren es zuerst die Unter- suchungen aus Flügges Laboratorium, die darauf hin- wiesen, dass in den zellenfreien Körpersäften Bacterien zu Grunde gehen können. Durch die ausgezeichneten Arbeiten Buchners wurde dies bestätigt und ungemein erweitert. Buchner zeigte, dass das keimfrei aufge- fangene, zellenfreie Blutserum eine unbedingt keimtöd- tende, desinficirende Wirkung hat. Damit war auf das Schlagendste die Wirksamkeit der Körper- säkfte durch chewische Aeusserungen unab- hängig von Zellen auf die Bacterien bewiesen.

Buchner hatte hauptsächlich mit Hunde- u. Kanin- chenblut gearbeitet und diese seine Versuche für die

übrigen Thierarten und die übrigen Bacterienspecies verallgemeinert. Bald aber wurde durch die Un-

tersuchungen von Behring und Nissen gezeigt, dass bezüglich der keimtödtenden Kraft des Blutserums

sich die verschiedenen Thierarten gegen die verschiedenen

Bacterien different verhalten und bei manchen Arten eine bestimmte Specificität besteht. Behring hatte festgestellt, dass das Serum von weissen Ratten, die von Natur aus gegen Milzbrand sehr widerstandsfähig sind, gerade auf Milzbrandbacillen überaus zerstörend einwirkt. Die desinficirende Kraft eines solchen Rattenserums kommt der einer 2 proc. Karbollösung gleich. Behring legte sich also die Frage vor, ob die bactericide Kraft dieses Serums nicht im ursächlichen Zusammenhang mit der natürlichen Widerstandsfähigkeit dieser Thiere gegen Anthrax stände, und ob dieses auch bei bestimmten Thieren gegenüber bestimmten anderen Krankheiten der Fall wäre. In der That konnte er dies bei einer Reihe von Krankheiten in Gemein- schaft mit Nissen feststellen und insbesondere schön und klar zeigte sich dieses bei den Versuchen mit dem Vibrio Metschnikoff. Nun, das Blutserum der unempfäng- lichen Thiere tödtete diese Parasiten ab, in dem der em- pfänglichen wuchsen sie sehr gut. Indessen ein durchgehendes Gesetz ist dies nicht, so dass man etwa sagen könnte, die Thiere, welche von Natur aus gegen eine Infectionskrankheit unempfänglich sind, besitzen in ihrem Serum specifisch zerstörende Körper für den betreffenden Erreger. Denn z. B. in dem Serum des Hundes, der gegen Mil?brand fast völlig re- fractär ist, gehen die Milzbrandbacillen durchaus nicht zu Grunde. Es trifft nur für manche Fälle ein, so dass also

das Wesen der von Natur aus bestehenden Immunität heute noch nicht klar liegt. Durch diese Versuche war aber doch er-

wiesen, dass in dem zellfreien Serum Substanzen vorkommen, welche bacterienvernichtend sind. Alle diese Versuche hatten sich indessen nur, wie ja erwähnt, mit der angeborenen, von Hause aus bestehenden Immu- nität befasst. Für die künstliche Schutzimpfung, für eine practische Verwerthung war damit nichts erreicht. Denn wenn z. B. das Rattenblutserum im Reagensglase die Milzbrandbacillen abtödtete: im lebenden Organismus hatte es diese Kraft durchaus nicht. Die Injection selbst von grossen Mengen Rattenblutserum in eine Maus schützt dieses Phier in keinerlei Weise gegen eine nachfolgende Impfung. Die in dem Serum der Thiere, die von Hause aus gegen eine Krankheit immun sind, vorhandene Schutzkraft ist also auf ein anderes Thier bis jetzt nicht übertragbar.

Den bedeutendsten Schritt nun zur Klar- stellung der bei der künstlichen Immunität vorhaudenen Verhältnisse machte Behring in seiner gemeinschaftlich mit Kitasato publicirten Arbeit über die bei den Thieren gemachten Beobachtungen, welche gegen Tetanus und Diphtherie künstlich gefestigt waren. Der genannte Autor konnte nachweisen, dass, wenn ein Thier gegen Diphtherie künstlich geschützt wird, dessen Serum diesen Schutz auch auf ein anderes Thier über- trägt, und weiterhin, dass man mit diesem Serum ein bereits an Diphtherie erkranktes Thier zu heilen vermag. Wenn man also etwas Blutserum von einem solchen künstlich immunisirten Thier einem anderen injicirt, so wird dieses ebenfalls immun. Dies ist der grosse Unterschied zwischen den bei der künstlichen und natürlichen Immunität im Serum bestehenden Ver- hältnissen; nur das erstere bewahrt auch im fremden Thierkörper seine Kraft, es ist übertragbar. Der Schutz, der übertragen wird, ist ein ganz specifischer; d. h. ein solches Serum verleiht nur Schutz gegen die Krankheit, gegen die das Thier, von welchem das Serum stammt, vorher künstlich immunisirt wurde. Diese Fundamental- PThatsache wurde seitdem dureh Ehrlich für die Eiweiss- stoffe, Ricin und Abrin nachgewiesen, weiterhin von Klemperer für die Pneumonie, von Emmerich für den Schweinerothlauf, von anderen Autoren für den Typhus etc.

Die Mengen, die nötbhig sind für die einzel- nen Thiere, sind ganz verschieden. Das hängt alles