282 Thiermedicinische Rundschau etc.

1892 Nr. 24.

Belgien. Juni 1892. Rotz 18, Lungenseuche 122, Tollwuth 9, Milzbrand 19, Rauschbrand 16, Rothlauf der Schweine 227, Maul- u. Klauen- seuche 2894 und Schafräude 603 Fälle; Schaf- pocken 1 Fall.

Italien. Vom 12. Juni bis zum 23. Juli 1892. Milzbrand 401, Rauschbrand 21, Rotz 60, Maul- und Klauenseuche 551, Räude 4075, Rothlauf 369 und Schafpocken 1756 Fälle.

Frankreich. Mai 1892. Lungenseuche in 12 Departements; Maul- u. Klauenseuche in 11 Depar- tements; Schafräude in 7 Pepartements; Schaf- pocken in 3 Departements; Milzbrand in 11 Departe- ments; Rauschbrand in 18 Departements; Rotz in 43 Departem., Rothlauf in 15 Departem., Schweine- seuche in 8 Departements, Tuberculose 80 Fälle in 32 Departements; Tollwuth in 111 Gemeinden von 39 Departements sind 183 Hunde, 3 Katzen, 2 Schafe, 10 Pferde und 6 Esel wegen Tollwuth getödtet; 40 Per- sonen sind gebissen worden. Der Landesthierarzt,

F. Imlin.

Ueber den gegenwärtigen Stand der Lehre von der specifischen Schutzimpfung und der specifischen Heilung der Infectionskrankheiten, mit einigen Thier- demonstrationen. ²) Vortrag, gehaiten in der deutschen Gesellschaft für öffentliche Gesundheitspflege, Montag, den 23. Mai 1892. Von Dr. Wassermann.

(Schluss.)

Pasteur ging ebenfalls von der Thatsache aus, dass das einmalige Ueberstehen einer milderen Form der betreffenden Krankheit gegen die spätere, vollgiftige schützt, der Variolation. Er nahm also zuerst ab- geschwächtes Milzbrandgift und impfte damit die Thiere, stieg dann gradatim zu der stärkeren, bis er zuletzt bei einem für nicht vorbehandelte Thiere un- bedingt tödtlichen Milzbrandstoff ankam. Die ver- schiedenen Abstufungen, die vaccins, wie er sie nannte, stellte er sich durch Cultiviren des Milzbrandes bei höheren Temperaturen dar. Der Milzbrand bekundet seine höchste Giftigkeit, wenn er bis zur Pemperatur von 370 wächst; bei höheren Graden nimmt er an Viru- lenz ab. Er wird abgeschwächt und verläuft alsdann bei Thieren milder. Pasteur wählte 420 und gewann, in- dem er die Culturen kürzere und längere Zeit dieser Temperatur aussetzte, die verschiedenen premier, deuxieme vaccins. Er dehnte dieses Prinzip noch auf weitere Thierkrankheiten aus; eine allgemeine practische Verwendung konnte aber das Verfahren bei uns in Deutschland nicht finden. Der Thierverlust bei der Ein- impfung des deuxieme vaccin war denn doch ein ziem- lich grosser, und insbesondere stellte sich durch die Untersuchungen von Koch in Gemeinschaft mit G affky und Löffler sehr bald heraus, dass die so injicirten PThiere nicht gegen jede Form des Milzbrandes und ins- besondere nicht gegen den sie immer bedrohenden Fütterungsmilzbrand geschützt sind.

Wissenschaftlich indessen blieb diese Ent deckung von der weittragendsten Bedeutung, indem man nunmehr anfing, sich mit der Physiologie der künstlichen Immuuität zu beschäftigen.

Man musste sich natürlich nunmehr die Frage vor- legen, was geschieht denn eigentlich mit einem solchen Organismus, der gegen eine bestimmte Infectionskrank- heit geschützt oder refractär ist? Zur Erklärung dieses Räthsels wurden vor allem zwei Theorien aufgestellt, die ja seitdem durch neue Thatsachen längst überholt sind, die ich aber doch des ganzen Entwickelungsganges halber

1) Abdruck aus der deutschen Medicinal-Zeitung 1892, No. 54.

hier kurz erwähnen will. Pie eine, die sogenaunte Er- schöpfungstheorie, von Pasteur selbst und Klebs auf- gestellt, nahm an, dass im Körper ganz bestimmte Stoffe für das Fortkommen der Microorganismen als Nährstoffe vorhanden sein müssten.

Bei der ersten Infection nun, oder bei der Vaccina- tion wurden diese Stoffe verbraucht und der betreffende Körper so zu einem für die später folgenden gleichsam unfruchtbaren Boden gemacht. Diese Theorie hatte schon von Natur aus etwas sehr Unwahrscheinliches an sich. Als aber dann Bitter nachwies, dass die zu Schutzimpfungszwecken eingeführten Milzbrandbacillen sich überhaupt nicht in dem ganzen Körper verbreiten, sondern in einem räumlich ganz eng begrenzten Gebiete desselben, nämlich in der allernächsten Umgebung der Impfstellen nur fortentwickeln, da konnte von einer Er- schöpfung des Gesammtorganismus nicht mehr die Rede sein.

Auf einem ganz entgegengesetzten Stand- punkte steht die zweite Pheorie, die Retentions- hypothese von Ghauvau. Nach dieser soll dem Körper nichts entzogen werden, sondern im Gegentheil, es sollen Bacterienproducte durch die Vaccination zurückbleiben, die für die betreffende Bacterienart zerstörend und ent- wickelungshemmend sind, und sodann später eine allge- meine Infection nicht mehr erlauben. Ghauvau stellte sich das ähnlich vor wie bei der Hefegährung des Weins, die ja auch nicht bis in das Unendliche weiter- geht, sondern bei einer gewissen Concentration des Al- ſohols zum Stillstand kommt, so dass also die Hefepilze in ihrem eigenen Producte, dem Alkohol, sich gleichsam ein Gift, an dem sie zu Grunde gehen, bilden.

Diese Hypothese war viel besser im Stande, die Vor- gänge und Beobachtungen bei der künstlichen Immunität zu erklären, und in der That werden wir sehen, dass manches von ihr auch durch die neuesten Untersuchungen bestätigt wird. Indessen die Beobachtung, dass die künstliche Immunität jahre-, ja jahrzehnte- lang andauert, schien doch mit dieser einfachen humo- ralen Auffassung von dem Zurückbleiben gewisser lös- ſicher chemischer Substanzen im Körper unvereinbar zu sein. Sehr viele Forscher sagten sich, es sei unmöglich, dass eine heterogene Substanz mehrere Jahre lang, ohne ausgeschieden zu werden, im Organismus kreise. Es miisse sich bei diesem Vorgang vielmehr um eine dau- ernde Beeinflussung und Umgestaltung der vitalen Zellen handeln. Von dieser Ansicht ging Metschnikoff aus, der scharfsinnige Verfechter der berümten Phago- cyten-Theorie. Er hatte beobachtet, dass bei unempfäng- ſichen Thieren virulente Milzbrandbacillen, bei empfäng- lichen abgeschwächte von den meisten Blutelementen aufgenommen und wie von Amöben verdaut werden. Auf diese Beobachtungen gestützt, stellte er nun folgende Hypothese auf. Die Inmunität beruht auf der Fähigkeit gewisser Körperzellen, von ihm Phagocyten genannt, die Bacterien aufzunehmen und zu vernichten. Dieser Zustand kann angeboren sein oder künstlich durch Schutzimpfung anerzogen werden. Das geschieht durch die Vac- cination, durch Finverleibung der abge schwächten Krankheitserreger. Diese können die Leucocyten immer überwältigen und werden durch ihre einmalite Ueberwindung gleichsam so gestärkt und da- ran gewöhnt, dass sie dann auch die virulentesten auf- nehmen können.

Purch die functionelle Anpassung und Auslese wird diese Fähigkeit auf die nächste Generation der Zelle übertragen, und so ist es möglich, dass dieser Zustand jahrelang anhält.

M. H.! Sie sehen das Entgegengesetzte der beiden zuſetzt genannten Ansichten. Auf der einen Seite nur die Wirkung von chemischen Stoffen, auf der anderen ausschliesslich die der Körperzellen.

Hier humoral, dort cellulär.