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Thiermedicinische Rundschan ete.
1892. No. 23.
erreger ins Klare zu kommen. Ich will Sie nicht damit ermüden, die mühevollen und doch vergeblichen Ver- suche in dieser Richtung aufzuzühlen. Es genüge, mit- zutheilen, dass je nach dem Zuge der Zeitepoche, in der die betreffenden Beobachter lebten, sich ihre Meinungen bald in magischem, bald in mystisch meteorologischem Sinne, bald wieder in theologischen Bahnen bewegten. Erst in der neuesten Zeit ist durch die epochalen Untersuchungen von Pasteur, Koch und deren Schüler Licht in dieses dunkle Gebiet gekommen, indem diese Forscher zeigten, dass für die meisten In- fectionskrankheiten ein specifischer, ganz bestimmter, sichtbarer Krankheitserreger aus der Klasse der Bacterien vorhanden ist, und nun erst konnte das wissenschaftliche Studium dieses Gebietes beginnen, nun erst konnte wan es auch versuchen, event. das Individuum gegen diese specifischen Krankheiten specifisch zu schützen, und dann im weiteren Verlaufe zu heilen. Bevor ich mich indessen zu diesem, meinem eigentlichen Gegenstande wende, ist es mir vielleicht gestattet, erst noch etwas auf die ätiologi- sche Seite desselben einzugehen, denn es ist selbstver- ständlich, dass wir erst über den Gegner und die Art und Weise seines Kampfes klar sein müssen, ehe wir an die Waffen zu einer erfolgreichen Brkämpfung denken können. Bekanntlich unterscheiden wir bei denBacterien nach ihrem Aussehen drei Haupt- vertreter: die stäbchen-, die kugel- und die schrauben- förmigen. Diese morphologischen Unterscheidungen sind nun für unsere heutige Besprechung durchaus nicht wichtig. Es ist für uns natürlich ganz gleichgiltig, wie der betreff. Microorganismus aussieht, welcher die und die Wirkung vollbringt, sondern für uns kommt es darauf an, zu wissen, wie sich dieser Organismus seinem ganzen Wesen und Wirken nach in Bezug auf den thierischen Körper verhält, in welchen er invadirt; d a müssen wir nun, uatürlich etwas schematische Ueber- gänge kommen jastets vor, zwei grosse ver- schiedene Klassen unterscheiden. Die eine wollen wir als Septichämien, die andere als toxische Af- fectionen bezeichnen. Ich werde versuchen, Ihnen die verschiedene Wirkungsweise dieser beiden Klassen an einem Beispiel zu erläutern. Wenn ich eine weisse Maus mit einer Spur einer Milzbrandcultur oder eines Bluttropfens von einem anderen Thier, das eben an Milzbrand eingegangen ist, an der Schwanzwurzel impfe, dann stirbt dieses Thier je nach der Virulenz des ver- wendeten Impfmaterials innerhalb 36— 60 Stunden. Ob- ducire ich nun die Leiche, so finde ich microscopisch an den Organen ausser einer relativ geringen Schwellung der Milz nichts Besonderes, was mir den so raschen Tod des Thieres erklären könnte. Bringe ich nun etwas Blut aus dem Herzen unter das Microscop, so sehe ich das ganze Gesichtsfeld vollgepfropft mit Milzbrandstibchen. Fertige ich mir ein microscopisches Präparat aus irgend einem Organ, der Milz, der Leber, der Niere,— es ist ganz gleichgiltig, welches ich nehme.— so zeigen sich alle, selbst die kleinsten Blut- und Lymphgefässe voll- gefüllt mit den gleichen Stäbchen. Kurz, es gelingt mir nicht, irgend eine Stelle dieser Leiche zu finden, die nicht übersäet wäre mit Milzbrandbacillen. Hier ge- nügt also ein Blick in das Microscop, um mir die Todesursache klarzumachen. Es ist ohne Weiteres verständlich, dass die ungeheure Masse von Bacillen derartige mechanische Hindernisse für den gesammten Kreislauf und damit im weiteren Verfolg für die Athmung schaffen, dass die Fortdauer des Lebens unvereinbar damit ist. Das ist also das Wesen der Septichämien, dass die Krankheitserreger
derselben sich von dem Orte der Einimpfung aus auf dem Wege der Blut- und Lymphbahn über den gesamm- ten Organismus in unzähligen Exemplaren verbreiten und damit den Tod herbeiführen.
Nun willich eine andere Maus mit einigen Tetanusbacillen oder Sporen ebenfalls an der
Schwanzwurzel inficiren. Sie sehen hier einige Exemplare, bei denen dies gestern von mir ausgeführt wurde, der Schwanz und die Hinterbeine sind krankhaft ausgestreckt, Sie beobachten die mühsame keuchende Athnnung. Ueber Nacht werden diese Symptome zunehmen und morgen früh werden die Thiere in Folge Aufhörens der Athmungsmöglichkeit zu Grunde gegangen sein. Wenn ich alsdann die Leichen obducire, so finde ich ebenfalls microscopisch an den Organen absolut keine derartigen Veränderungen, dass ich mir diesen schweren Symptomencomplex erklären könnte. Fertige ich mir, ganz wie bei dem vorhergehenden Beispiel, wiederum ein microscopisches Präparat aus dem Herzplut dieses Thieres an, so finde ich in demselben durchaus nichts von der Norm Abweichendes. Insbesondere ver- misse ich jede Art von Bacterien. Dieses Blut ist voll- kommen steril. Und trotzdem haben während des Lebens diese schweren Allgemeinsymptome bestanden. Hier muss also etwas Anderes, nicht Sichtbares vorhanden sein, welches den gesammten Organismus überschwemmt. In der That ist es sehr leicht, diesen Nachweis zu führen, und zwar, wenn ich das Blut einer chemischen Prüfung unterwerfe.
Injicire ich nämlich das Blut dieser Maus, indem ich dasselbe ausdrücke, oder auf irgend eine andere Weise gewinne, einem zweiten Thiere, so finde ich, trotzdem, wie ich mich durch Prütung überzeugen kann, keine Petanusbacillen in demselben vorhanden sind, dass das zweite Phier, welchem ich dieses Blut injicire, wiederum an Tetanus zu Grunde geht. In dem Blute befindet sich also ein ganz specifisches Gift: das Te- tanusgift.
Die Maus geht nicht an den wenigen Teta- nusbacillen zu Grunde, die wir ihr einbringen, und die sich in ihrem Organismus nicht stark weitervermehren können, sondern sie stirbt indirect an dem Gift, welches die Microorganismen produciren, und welches den ge- sammten Organismus alsdann überschwemmt. Dieses ist eine exquisit toxische Erkrankung.
Man hat sich nun in den letzten Jahren sehr ein- gehend damit beschäftigt, über die Natur dieser Bacterien- gifte etwas Näheres zu erfahren. Der erste, der den Nachweis der von der Bacterienzelle trennbaren Gifte tührte, war Brieger. Roux und Versin zeigten dann, dass, wenn man eine Diphtheriebacillencultur durch Thon- filter von den Bacterien befreit, das keimfreie Filtrat noch im Stande ist, dieselben Krankheitserscheinungen wie die ursprüngliche Cultur hervorzubringen. Weiter- hin ist es dann Brieger und Fraenkel bekanntlich gelungen, den Nachweis zu führen, dass diese Substanzen eiweissähnliche Verbindungen sind, und die genannten Forscher haben dieselben mit dem Namen der Poxal- bumine belegt, die ja scitdem eine so grosse Rolle in der Medicin spielen.
M. H.! Es ist wohl selbstverständlich, dass mit dem Augenblick, wo die Uebertragungs- fähigkeit der meisten Infectionskrankheiten von dem Kranken auf den Gesunden zweifellos war, wo man sich also über das Entstehen dieser Krankheiten durch das Hineingelangen eines schädlichen Stoffes von aussen in den Organismus klar war, auch der Wunsch lephaft wurde, das einzelne Individuum gegen diese Gefahr zu schützen. Allein dieser Wunsch blieb lange der Vater des Gedankens. Wohl hatte man bei den grossen Seuchenzügen des Alterthums und des Mittelalters Bei- spiele genug, dass manche Individuen stets von der mörderischen Krankheit verschont blieben, dass sie von Natur aus immun waren; aber eine Erklärung da- für zu geben, und daraus eine Nutzanwendung für einen künstlichen Schutz zu zichen, war durchaus nicht möglich. Indessen zeigte sich beim weiteren Studium der grossen Epidemien, besonders der Pocken, sehr bald eine Fundamentalthatsache, die für diese Frage von der allergrössten Wichtigkeit war und in ihrer weiteren


