Thiermedicinische Rundschau etc.

1892. No. 23.

deutliches allgemeines Erythem auf, das nach einer Stunde wieder verging.

Ueber die Natur des Giftes kann man natür- lich nach dem klinischen Bilde allein nichts irgendwie Bestimmtes sagen. Es hiegt zunächst kein Grund vor, etwa an Bacterienwirkung zu glauben; eher wird man an eine organische Säure (wie etwa beim Ameisenstich) denken. Mir persönlich erschien es am wahrscheinlichsten, dass es sich um ein in den relativ grossen Speicheldrüsen producirtes organisches Gift, etwa ähnlich dem Schlangengift, handelt. Iu der Tbat bot ein Hund, dem ich ein wässeriges Ex- tract aus 3 zerriebenen Zecken subcutan injicirte, ein Krankheitsbild dar, das ich häufig nach Vergiftungen mit geringen Mengen von frischem Puffottergift geseben habe.

Ich bat Herrn Privatdocent Dr. Erdmann, der im biesigen kgl. Chemischen Laboratorium in letzter Zeit wiederbolt frisches Schlangengift für mich untersuchte, auch die Zecken auf ihren eventuellen Giſtgehalt zu studiren. Das Resultat dieser Untersuchungen, für die ich Herrn Dr. Erdmann sehr zu Dank verpflichtet bin, ist Folgendes:

10 Fxemplare Argas reflexus wurden mit 2 cem Glycerin in einer unglasirten Reibschaale so lange kräftig zerrieben, bis eine gleichförmige graue Masse entstand, in der nur noch einzelne häutige Stückchen zu bemer- ken waren. Dann wurden 2 cem Wasser zugegeben, filtrirt und der wenig voluminöse Filterrückstand mit 2ccm kaltem Wasser in kleinen Portionen nachgewaschen. Man erhielt so ein ganz klares, farbloses, neutrales Filtrat, mit dem dié folgenden Versuche angestellt wurden.

Einc kleine Menge der Giftlösung wurde mit dem gleichen Volumen Phosphorwolframsäurelösung (1 Th. feste Säure in 5 Th. Wasser) versetzt: die Flüs- sigkeit trübte sich und schied innerhalb einiger Minuten einen farblosen, glasig durchscheinenden Niederschlag ab, der in verdünnter Essigsäure unlöslich ist.

Phosphormolybdänsäure(1:5) gab in einigen Minuten eine gelbe, ziemlich voluminöse, ebenfalls in Essigsäure unlösliche Fällung. Dieser Niederschlag ist nicht sehr beständig; wenn er über Nacht in der Lösung stehen bleibt, nimmt er durch Reduction der Molybdän- säure eine indigoblaue Färbung an.

Eine etwas grössere Menge der Giftlösung wurde mit Aether geschüttelt, nach dem Abheben des Aethers mit einigen Tropfen Kaliumdicarbonat schwach alkalisch gemacht und nochmals mit Aether ausgeschüttelt; end- ſich mit Natronlauge stark alkalisch gemacht und wiederum ausgeäthert. Alle 3 Aetherauszüge hinterliessen beim Verdampfen keinen Rückstand.

Der Rest der Giftlösung wurde mit Essigsäure an- gesäuert und ebenfalls mehrmals wit Aether extrahirt. Auch der sauren Flüssigkeit entzog der Aether nichts als etwas Essigsäure, die beim Verdunsten des Aethers zurückblieb. Die vom Aether getrennte wässerige Flüssig- keit gab, nachdem der anhaftende Aether durch Aufblasen von Luft entfernt worden war, die Reactionen mit Phos- phorwolframsäure und PhosphormolyVpdänsäure in unver- änderter Weise.

Der Rückstand von der Fxtraction der Thiere mit Glycerin wurde mit warmem Chloroform ausgezogen. Das Filtrat hinterliess beim Verdunsten nur eine kleine

Menge Fett. Mkaloidreactionen gab dieser geringe Fett- rückstand nicht.

Aus diesen Versuchen kann man, mit dem durch die geringe Menge des untersuchten Mate- rials bedingten Vorbehalt, den Schluss ziehen, dass der Argas reflexus Alkaloide oder sonstige in Aether oder Chloroform lösliche Gifte basischer, neutraler oder saurer Natur nicht produeirt. Der Giftstoff lässt sich der wässerigen Lösung nicht durch andere Lösungsmittel ent- zichen. Es ist nicht unwahrscheinlich, dass gerade der wirksame Bestandtheil des Thieres jene Fällungen mit Phosphormolybdän und Phosphor- wolframsäure veranlasst. Um dies durch Rege- nerirung des Giftes aus den erhaltenen Fällungen sicher nachzuweisen, reichte in diesem Fall das Material nicht aus; aber ich will nicht unerwähnt lassen, dass das Giftsecret der Kreuzotter (Pelias Berus), namentlich aber das der Puff- otter(Echidna arietans) sich bei den be- sprochenenReactionen ganz analog dem Zecken- gift verhält. Vielleicht gehören alle diese Gifte zu der Classe der TPoxabulmine.

Dr. Hugo Erdmann.

Die Fälle, in denen Argasbiss bedrohliche Symptome hervorruft, dürfen doch wohl nicht so sehr selten sein, wie es nach der nur spärlichen Literatur über diesen Gegenstand den Anschein hat. Herrn Dr. Smalian hierselbst verdanke ich die Mittheilung eines weiteren Falles, der im J. 1884 in Aschersleben beobachtet wurde. 56 Stunden nach dem Biss traten so starke allgemeine Schwellungen auf, dass die Kleider zu eng wurden und aufgeschnitten werden muss- ten. Erst nach 3 Tagen sollen die beängstigen- den Erscheinungen nachgelassen haben.

Es fanden sich zahllose Taubenzecken in einem Taubenschlage.

Es sind mir noch mehrere andere Beispiele erzählt worden, die in ähnlicher Weise verliefen und mit Wahrscheinlichkeit auf die gleiche Ur- sache zurückzuführen sind.

Die Therapie hat natürlich in erster Pinie die Aufgabe, durch geeignete Prophylaxe dieser unter Umständen recht gefährlichen Vergiftung vorzubeugen. Zu dem Zwecke soll den Besitzern von Taubenvölkern eingeschärft werden, von Zeit zu Zeit die junge Brut auf Zecken zu unter- suchen, vor Allem aber bei etwaigem Abschaffen der Tauben die Schläge gründlichst zu durch- mustern. Ist in einem Hause einmal ein Fall von Argasbiss constatirt, dann muss man den etwa vermauerten Schlag aufbrechen und altes Balkenwerk etc. entfernen. In hartnäckigen Fällen, in denen man die Zeckenbrut nicht auf- finden kann, wird es zweckmässig sein, wieder Tauben amuschaffen, da der Parasit anscheinend die ihm naturgemässe Nahrung dem menschlichen Blut vorzieht.

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