Thiermedieinische Rundschau etec.

1892. Nr. 23.

rend die übrigen Insassen des betreffenden Hauses, in welchem sich ein vermauerter Tauben- schlag befand, mit einer verhältnissmässig ge- ringen Localaffection davonkamen, zeigte ein ältlicher, vollsaftiger Mannmit Neigung zu Hämorrhoidalcongestionen und zu rothlaufartigen Entzündungen eine sehr starke erysipelartige Schwellung des gebissenen Schenkels, die erst nach einigen Tagen unter geeigneter Behandlung verschwand.

Dr. Boschulte liess sich selber an der Volarfãche der linken Hand von einem der auf- gefundenen Thiere beissen. Er verspürte einen juckend-stechenden Schmerz. Die Wunde heilte zunächst glatt; 10 Tage später entstand aber unter lebhaftem Jucken an der betreffenden Stelle Röthung und knötchenförmige Erhöhung. Ja, nach 19 Jahren soll die Stelle des Parasiten- stiches noch in auffallender Weise gekenn?zeichnet gewesen sein*). Pies ist meines Wissen die ein- zige, in der Literatur erwähnte Beobachtung über das Vorkommen des Argas reflexus als Parasiten bei Menschen.

Der nachstehende Fall, in dem fünf voll- ständig gleich verlaufende Recidive eintraten, erscheint mir besonders geeignet, die Gefährlich- keit des Argasbisses weénigstens bei einzelnen Individuen zu illustriren.

Vielleicht wird ein oder der andere College durch meine Mittheilung angeregt, seine eigenen Erfahrungen über den petreffenden noch so wenig bekannten Parasiten nicht länger vorzu- enthalten.

Am 4. Februar d. Js. wurde dem Diréector des hiesigen zoologischen Instituts, Herrn Prof. Grenacher, von dem Herrn Kreisphysikus Pr. Hauch in Eisleben ein Insect behufs Untersuch- ung zugeschickt. In dem Begleitschreiben findet

sich foſgende Krankengeschichte:

Ein in guten Verhältnissen lebender, gesunder, rüstig er und abgehärteter Mann(mittlerer 40 ger) hat seit 4 Jahren gestern Nacht zum 5. Male folgender Weise auftretenden Anfall:

Er wacht Nachts auf wegen einer Schmerzempfin- dung(diesmal an der Gegend des Handgelenks) an einer Extremität, und während in Zeit einer halben Stunde dann eine bedeutende roseartige Schwellung vom Xngriffspunkte aus den ganzen Körper überläuft, die besonders am Kopfe zum Unförmlichen sich stei- gert, so dass zwischen den Lidwülsten die Augen vollständig verschwinden, quält ihn gleichzeitig Athem noth(wie pei Asthma), Herzklopfen und Benom menheit, bis nach einer Stunde profuser Schweiss das Allgemeinbefinden bessert, während die Schwellung im Laufe von 10 pbis 15 Stunden allmählich sich verliert. Als Ursache dieser gavz ungewöhnlichen, gefahrdrohenden Erscheinung giebt der nüchterne ernste Mamn beigefügtes mir unbekanntes Thierchen an. Den eigenartigen Krankheitsprozess habe ich heute zum ersten ale gesehen und ich muss gestehen, dass das unheimlich schnelle Schwellen des gesunden Unterhaut- zellgewebes bis zur Porm eines schweren Oedems, von

diesem durch Röthe verschieden, bei alternirenden Er- scheinungen seitens der Lunge und des Herzens mich bestimmte, Klarheit zu schaffen wegen des kleinen Atten- täters, den ich als ursächlich zunächst nicht anzuerkennen geneigt bin. Wunderbar nur, dass beim Fehlen aller anderen Ursachen, jedesmal genanntes gleichartige Thier gefunden wurde, das sonst nun jahrelang ängstlich ge- sucht, sich nie zeigte.

Das Insect wurde als Argas reflexus erkannt. Herr Privatdocent Dr. Brandes, der kurz zuvor meine Abhandlung über Urticaria factitia*) ge- lesen hatte, kam auf die Vermuthung, dass es sich möglicherweise um eine derartig prädispo- nirte Person handele; er theilte dies Herrn Col- legen Hauch mit, der mir am 12. Februar den Herrn zuwies.

Die von mir erhobene Anamnese bestätigte die vorerwähnten Angaben; insbesondere stimmte die Schilderung der einzelnen Anfälle genau mit derjenigen des Hausarztes. Der rüstige Mann, der übrigens sonst nicht gerade ängstlich ist und als Offizier den letzten Feldzug mitgemacht hat, erklärte mir, er wolle um keinen Preis der Welt wiederum einen so beängstigenden Zustand durch- machen.

Der Herr ist in keinerlei Weise erblich be- lastet. Er hat auch noch keine besondere ander- weitige Erkrankung durchgemacht, ist aber seit einigen Jahrenetwas nervös. AnNesselfieber hat er nie gelitten; Insectenstiche(abgesehen von Argasbiss) rufen hei ihm starke Quaddeln in nächster Umgebung des Stiches hervor, aber nie- mals allgemeine Erscheinungen.

Vor 2 Jahren ist auch einmal seine gjährige Pochter von einer Taubenzecke gebissen worden, es trat aber blos eine, mehrere Stunden an- dauernde Anschwellung in der Umgebung der Bisswunde ein.

Die objective Untersuchung des gut genähr- ten und plühend ausschenden Mannes ergab ausser einer mässigen Steigerung der Reflex- thätigkeit, sowie einer Gefässreizbarkeit in Form einer ziemlich beträchlichen Urticaria factitia keinerlei Abnormität.

Ich rieth dem Herrn, sich möglichst wenig in seinen Fabrikräumen(er hat eine Senf. und Essigfabrik) aufzuhalten, weil möglicherweise durch Einathmung der scharfen Dämpfe die bei ihm vorhandene Gefässreizbarkeit bedingt sei und ordnete gegen die letztere kalte Abreibungen an. Ceberdies ermahnte ich ihn dringend, den inseinem Hause befindlichenvermauerten Taubenschlag aufzubrechen und gänzlich zu zerstören.

Das let?ere wurde indessen unterlassen, bis ein abermaliger, von dem bekannten Symptomen- complex gefolgter Biss(im Mai d. J.) eine gründ- liche Aufräumung veranlasste. Bei dieser Ge- legenheit fanden sich äusserst zahlreiche lebende Taubenzecken und enorme Mengen todter Thiere in den Mauern und Balkenritzen. Herr College