42 Thiermedieinische Rundschau ete.

1891. No. 4.

die Tuberkelbacillen in Massen zu cultiviren. Ohne solche Masseneulturen ist an die Herstellung des Tuberculins in nennenswerthen Mengen über- haupt nicht zu denken. Tuberkelbacillen in Massen zu cultiviren, ist aber nur einem geübten Bacteriologen möglich, der Ungeübte wird wohl auch Massenculturen zu Stande bringen, aber keine Reinculturen; mit unreinen Culturen wird er nichts als Unheil anrichten, und er sollte des- wegen seine Hände lieber davon lassen.

Ursprünglich habe ich die Tuberkelbacillen auf Glyeerinpeptonagar in Reagensgläsern ge- züchtet, die Quituren, wenn sie den Höhepunkt der Entwickelung erreicht hatten, abgespült, auf einem feinen Drahtnetz gesammelt, mit einer 4 procentigen Glycerinlösung übergossen, mit dieser Lösung auf den zehnten Theil eingedampft, abfiltrirt und das Filtrat verwendet. Die Züchtung auf Agar in Reagensgläsern ist aber sehr mühsam und giebt verhältnissmässig wenig Ausbeute. Als es darauf ankam, grössere Mengen zu schaffen, musste daher versucht werden, grössere Gefässe rür die Culturen zu benutzen; dabei ergaben sich aber Schwierigkeiten in der Verwendung des Nähragar, und ich griff auf frühere Versuche zurück, die ich über die Züchtung der Tuberkel- bacillen in flüssigen Nährmedien angestellt hatte. Anfangs fielen die Culturen weniger befriedigend aus; sie wuchsen in der Flüssigkeit sehr langsam und kümmerlich. Zufällig machte ich dann aber die Beobachtung, dass einzelne platte Stückchen der Bacillencultur, welche an der oberen Fläche trockon waren und unbenetzt blieben, auf der Oberfläche der Flüssigkeit sich schwimmend er- hielten, und dass diese Stückchen sich in üppigster Weise entwickelten. Sie bildeten im Laufe von einigen Wochen an der Oberfläche eine dieselbe vollkommen bedeckende, ziemlich dicke, oberwärts troekene und oft faltige Haut von weisslicher Farbe. Nach 6 8 Wochen ist das Wachsthum beendet; die Haut fängt dann an, von der Flüssig- keit benetzt zu werden, und sinkt schliesslich, in lappenförmige Stücke zerfallend, unter. Der Er- trag einer solchen Cultur ist erheblich grösser als der auf festem Nährboden erzielte.

Als Culturflüssigkeit kann man ein Infus von Kalbfleisch benutzen, das in der gewöhnlichen Weise hergestellt wird. Passelbe muss schwach alkalisch sein und einen Zusatz von einem Procent Pepton und 4 5 Procent Glycerin erhalten. An Stelle des Kalbfleischinfuses kann auch eine ein- procentige Fleischextractlösung verwendet werden.

Die Culturgefässe, am besten Kölbchen mit flachem Boden, werden nur zur Hälfte, und zwar mit 30 50 cem Flüssigkeit gefüllt, gut sterilisirt und dann so geimpft, dass ein nicht zu kleines Stück der Aussaatcultur auf der Oberfläche der

Flüssigkeit schwimmt. Die Culturen werden am besten bei 38 Grad gehalten.

In Bezug auf die Herkunft der zur Cultur benutzten Tuberkelbacillen habe ich keinen Unter- schied gefunden. Für die Wirksamkeit des Tuber- culins ist es ganz gleichgültig, ob dasselbe mit frisch gezüchteteten Culturen oder mit mehrere Jahre alten hergestellt wird, ebenso ob die Culturen direcet vom tuberkulösen Menschen gewonnen, oder ob sie wiederholt durch den Thierkörper gegangen sind.

Bei dieser Art und Weise der Züchtung geht ein Theil des wirksamen Stoffes in die Cultur- flüssigkeit über, wovon man sich durch Probe- injection an tuberculösen Meerschweinchen leicht überzeugen kann. Ich habe deswegen, nachdem ich dies bemerkt hatte, die Culturen nicht mehr mit wässeriger Glycerinlösung, sondern gleich mit der Culturflüssigkeit extrahirt, um so auch den in dieser enthaltenen Stoff zu verwerthen. Dass auf diese Weise die Culturen genügend extrahirt werden, geht daraus hervor, dass sie nach der Extraction nur eine geringe Wirkung auf tuberculöse Meerschweinchen auszuũben ver- mögen, und dass die Oulturflüssigkeit, wenn sie ohne die Culturen eingedampft wird, ein erheb- lich schwächeres Tuberculin liefert.

Die zur Fxtraction verwendeten Culturen müssen vollkommen reif, also 6 8 Wochen alt sein. Sie müssen selbstverständlich absolut rein sein, wovon man sich durch die mikroskopische Untersuchung jedes einzelnen Gefässes überzeugen muss. Erst nach langer Uebung wird man im Stande sein, auch ohne mikroskopische Unter- suchung die Abwesenheit von Verunreinigungen durch fremde Mikroorganismen zu constatiren, welche letzteren bekanntlich in flüssigen Nähr- medien weit schwieriger als auf festen zu er- kennen sind.

Die vollkommen rein befundenen Culturen werden in einem geeigneten Gefäss auf dem Wasserbade auf den zehnten Theil ihres ursprüng- lichen Volumens eingedampft. Da sie hierbei stundenlang einer Temperatur von nahezu 100 Grad ausgesetzt bleiben, so kann man mit voller Sicherheit darauf rechnen, dass in der eingedickten Flüssigkeit die Tuberkelbacillen ausnahmslos ab- getödtet sind. Um die letzteren aber möglichst daraus zu entfernen, wird die Flüssigkeit durch ein Thon- oder Kieselguhrfilter filtrirt.

Das so gewonnene Tuberculin enthält etwa 40 50 Proe. Glycerin und ist dadurch gegen Zersetzung durch Bacterien geschützt. Man hat nur darauf zu achten, dass sich nicht Schimmel- pilze darauf ansiedeln. So verwahrt, hält es sich allem Anscheine nach sehr lange, vielleicht Jahre lang im wirksamen Zustande.