15. November.

Grad. 4 Stunden nach der Injection zunehmendes Ziehen in den Gliedern, nach weiteren 2 Stunden Frösteln, welches Herrn Gutmann zwang, ins Bett zu gehen. Dann folgte Hitze und Schweiss. Kein Kopfschmerz; aber Erbrechen von Magenschleim(es war aus Vorsicht nur sehr wenig ge- nossen). Dabei vollkommene Schlaflosigkeit, auch in der Nacht.(Puls bis 135.)

In allen diesen Fällen war das Wohlbefinden nach 24 Stunden vollständig oder doch nahezu wieder eingetreten

Die Temperatursteigerung entspricht genau der zur Anwendung gekommenen Dosis:

2 mig ergaben 38,2 Grad Maximaltemperatur

5 55 38,7 75

1 75 55 39,0 55 77

5 75 7* 39,2 75 75 Aber auch die subjectiven Empfindungen hielten damit

gleichen Schritt, und es zeigten sich alle die bekannten nach Einspritzung des Rohtubereulins auftretenden Störungen wieder, sodass ein Unterschied in dieser Beziehung zwischen dem gereinigten und ungereinigten Präparate nicht wahr- genommen werden konnte. Ganz besonders fiel dies noch in einem Falle auf, der von den vorher beschriebenen sich etwas abweichend verhielt und deswegen auch abgesondert Erwähnung finden soll.

Herr O. Wassermann, von kräftigem Körperbau und ohne irgend welche nachweisbaren Anzeichen von Tuber- culose erhielt am 24. Juli 4 mg des gereinigten Präparats injieirt. Die Temperatur stieg von 36,9 Grad innerhalb 10 Stunden auf 39,5, fiel dann auf 38,4 Grad, ging aber bis 27 Stunden der Injection wieder auf 40,2 Grad. Während des ersten Anstiegs der Temperatur hielten sich die objee- tiven Störungen innerhalb mässiger Grenzen, so dass Herr Wassermann noch eine Spazierfahrt unternehmen konnte. Kurz vor dem zweiten Ansteigen der Temperatur trat Frost ein, der Puls erreichte 140, wurde klein und unregelmässig, so dass Excitantien(Alcoholica) erforderlich erscheinen. Puls und Temperatur kamen erst nah ungefähr 48 Stunden wieder auf ihren gewöhnlichen Stand.

Ob in diesem Falle ein Verdacht auf Tubereulose, für welchen sich naträglich einige Anhaltspunkte ergaben, oder das unruhige Verhalten des Herrn W. die Erkläruug für den unregelmässigen und stürmischen Verlauf der Reaction geben kann, mag unentschieden bleiben. Diese Beobach- tung lehrt jedoch unzweifelhaft, dass auch das gereinigte Tuberculin bei zu starker Reaction nicht unbedenkliche Symptome hervorzurufen vermag.

Mit entsprechend niedrigen Dosen und in vorsichtigster Weise sind dann im Weiteren auch möglichst ausgedehnte Versuche mit dem gereinigten Tuberculin an Tuberculösen angestellt, und zwar geschah dies an einer grösseren Zahl von Kranken im Krankenhause Moabit, welche einige Mo- nate lang theils ausschliesslich mit dem reinen Tuberculin, theils in Abwechslung mit dem Rohtubereulin behandelt wurden. Ueber diese Versuche kann ich mich kurz fassen, da sie ebenfalls zu dem Ergebniss geführt haben, dass das reine Tuberculin von dem Rohtuberculin sich in seiner Wirkung nicht merklich unterscheidet Ersteres hat dia- gnostisch und therapeutisch denselben Effect wie das letztere, wenn es in einer solchen Dosis angewendet wird, dass die Reactionserscheinungen, namentlich die Temperatur, welche den sichersten Maassstab abgiebt, die gleiche Höhe er- reichen. Es hat sich aber dabei herausgestellt, dass das gereinigte Tuberculin, welches für Meerschweinchen etwa 50 Mal so stark als das Rohtuberculin gefunden war, für den Menschen pei der Berechnung der Dosis höchstens 40 Mal so stark anzunehmen ist.

Auch in Bezug auf die Posirung bietet das gereinigte Tuberculin keinen Vortheil. Denn die Wirksamkeit des- selben lässt sich doch nur, ebenso wie beim Rohtuberculin, nicht auf Grund von chemischen Reactionen, sondern durch die Prüfung am Thierkörper feststellen, und am Kranken-

PThiermedicinische Rundschau ete.

den Tuberkelbacilleneulturen enthalten

pette ist in jedem einzelnen Falle bei beiden Mitteln die Dosis den Verhältnissen entsprechend zu bemessen, was sich auch dann nicht ändern würde, wenn die Wirkung des gereinigten Tuberculins eine absolut ungleichmässige sein würde.

Ob das reine Tuberculin dem Rohtuberculin etwa an Haltbarkeit überlegen ist, können erst weitere Erfahrungen lehren. Bis jetzt hat sich das Rohtubereulin als eine an Glycerin sehr reiche Tuberculinlösung recht haltbar er- wiesen. Wenigstens habe ich an den ältesten, mir zur Verfügung stehenden Proben des Tuberculins noch keine Abnahme in der Wirkung wahrnehmen können.

So interessant und wichtig die Versuche zur Rein- darstellung des wirksamen Princips aus dem Tuberculin in theoretischer Hinsicht auch sind, so haben sie doch für die Praxis bis jetzt noch keinen wesentlichen Fortschritt gemacht, was mich aber nicht abhalten wird, diese Fragen noch weiter zu verfolgen.

In meiner letzten Veröffentlichung über das Tubereulin hatte ich über die Herkunft desselben und scine Bereitungsweise so viel angegeben, wie es für den Sachverständigen ausreichen musste, um den von mir angegebenen Weg verfolgen zu können. Die Angaben, dass das Tuberculin in ist und dass man sich von dem Vorhandensein desselben jederzeit durch den Versuch am tuberculösen Meerschweinchen überzeugen und bei Versuchen zur Gewinnung des wirksamen Stoffes aus den Culturen die Reaction am Thiere stets als eine zuverlässige Controlle benutzen kann, hätte ge- nügen müssen, um einen geschickten Bacterio- logen zur Herstellung des Tuberculins oder eines gleichwerthigen Präparates zu befähigen. Wenn trotzdem nur ganz vereinzelte Bacteriologen sich an diese Aufgabe herangewagt, und, soweit ich die weitschichtige Litteratur zu übersehen ver- wag, dieselbe auch nur theilweise gelöst haben, so hat das eigentlich etwas Beschämendes für die heutigen Bacteriologen, welche, anstatt selbst- ständig experimentell vorzugehen, in ungestümer Weise nach einem Recept zur Herstellung des Tuberculins verlangen. Fs ist mir überhaupt fraglich, ob die Art und Weise der Herstellung, wie ich sie befolge, schon die beste ist. Ich habe im Laufe der Zeit fortwährend daran ver- bessert und halte sie auch noch weiter ver- besserungsfähig, hoffe auch, dass sich noch ganz andere geeignetere Methoden werden auffinden lassen. Wenn ich daher jetzt, wo die Beurtheilung der Tubereulinfrage eine ruhigere und mehr objeetive geworden ist, den richtigen Zeitpunkt gekommen erachte, um meine Erfahrungen über die Herstellungsweise des Präparates zu veröffent- lichen, so würde ich es sehr bedauern, wenn man sich sklavisch an meine Angaben halten und nicht versuchen würde, etwas besseres zu schaffen.

Vorweg aber habe ich noch folgendes zu bemerken. Bei der Tuberculingewinnung liegt der Schwerpunkt darin, dass man es versteht,