40 Thiermedicinische Rundschau etc.
fällt werden kann? Dieses Räthsel liess sich leicht dadurch lösen, dass dem tuberculinhaltigen Alkohol der Reihe nach die Bestandtheile der ungereinigten Flüssigkeit zugesetzt wurden. Der Glycerinzusatz liess keinen Niederschlag ent- stehen. Die Extractivstoffe bildeten an und für sich einen Niederschlag; aber nachdem dieser sich abgesetzt hatte, hatte der Alkohol noch sein opalescirendes Aussehen. Frst wenn die Salze hinzugefügt wurden, ballte sich das Tuberculin zu Flocken und wurde vollständig als Niederschlag abge- schieden. Von den Salzen erwies sich vorzugsweise das Natriumchlorid als ein geeignetes Fällungsmittel für Tuber- culin in Alkohol. Schon ein Tropfen einer concentrirten Natriumchloridlösung genügt, um in mehreren hundert Cubikcentimetern Alkohol das Tuberculin zum Ausfallen zu bringen. Dieses Verhalten des Tuberculins gegen ver- dünnten Alkohol ist bei der Reindarsellung wohl zu be⸗ rücksichtigen. Sobald nämlich mehrmaliges Spülen mit 60 procentigem Alkohol diejenigen Mineralsätze, welche die Fällung des Tuberkulins begünstigen, entfernt sind, fängt bei weiterem Spülen mit verdünntem Alkohol letzter an zu opalesciren, d. h. er beginnt das Tuberculin zu lösen, und man kann auf solche Weise bedeutende Mengen Nieder- schläge verlieren. Pritt diese Erscheinung ein, dann muss der Alkohol durch Zusatz von Natriumchiorid geklärt, und zur weiteren Spülung absoluter Alkohol verwendet werden.
Von den chemischen Reactionen, welche zur Charakteri- sirung des gereinigten Tuberculins dienen können, seien folgende erwähnt.
Zunächst giebt es alle Eiweissreactionen; so die Biuret- reaction, die Adamkiewicz'sche Reaction(Eisessig nnd concentrirte Schwefelsäure); mit den Millon'schen Reagens entsteht ein weisser Niederschlag, der beim Erwärmen röth- lich wird u. s. w.
Phosphorwolframsäure, Eisenacetat, Ammoniumsulſat, Gerbsäure fällen das Tuberculin aus seiner Lösung voll- ständig aus.
Bleiacetat bewirkt eine starke Trübung, aber keine vollständige Fällung.
Auch die Essigsäure ruft in der wässrigen Lösung des gereinigten Tuberculins anfangs etarke Trübung und selbst geringen Niederschlag hervor, welcher aber auf weiteren Zusat? wieder verschwindet. Die durch Essigsäure abge- schiedene Substanz zeigt bei der Prüfung weder eine ge- ringere noch eine höhere Wirksamkeit wie das reine Tuber- culin und scheint der in Wasser unlöslislichen Modification ähnlich, vielleicht damit identisch zu sein.
Wässrige Pikrinsäurelösnug bewirkt einen flockigen Niederschlag, der sich beim Erwärmen auflöst und peim Erkalten der Flüssigkeit wieder erscheint.
Verdünnte Salzsäure und Schwefelsäure lassen keinen Niederschfag entstehen. Ebenso verhalten sich diese Säuren in stärkerer Concentration.
Salpetersäure bewirkt dagegen einen Niederschlag, der beim Stehen zunimmt, beim Kochen eine gelbe Lösung giebt und auf Zusatz von Natronlauge praunroth wird (anthoproteinsäurereaction).
Aschenanalysen und Elementaranalysen des gereinigten Tuberculins sind von Herrn Proskauer und Brieger ausgeführt und haben ergeben:
1. Aschenanalysen:
I. Asche von 0,4816 g Subtanz(pei 100 Grad getrock- net) 0,0802= 16,65 Proc.(Brieger).
II. Asche von 0,1410 g Subtanz(bei 100 Grad getrock- net 0,0265= 18,46 Proc.(Proskauer).
III. Asche von 0,1740 g Subtanz(bei 100 Grad im Vacuum getrocknet) 0,0350= 20,46 Proc.(Proskauer).
Die Präparate I und II waren von mir aus je 500 cem Rohtuberkulin hergestellt. Präparat III von Herrn Pros- kauer aus 380 ccm(sechsmal mit 60 Proc. Alkohol ge- gewaschen, viermal mit 70 Proc., je dreimal mit 80 Proc.
nnd 90 Proc. und fünfmal mit absoluten Alkohol, letzterer mit Aether verdrängt und dann getrocknet). Die Asche bestand fast ganz aus Kalium- und Magnesiumphosphat und enthielt keine Chloride. Die Asche der Probe Il ent- hielt 59,84 Proz. Phosphorsäure.
2. Elementaranalyse(für aschefreie Substanz berechnet): I. Brieger II. Proskauer III. Proskauer
Kohlenstoff 47,02 Proc. 48,13 Proc. 47,67 Proe. Wasserstoff 7,55„ 706 8 Stickstoff 14,45„ 14,16„ 1473 Schwefel—
Für die Elementaranalyse wurden dieselben Präparate wie für die Aschenbestimmung benutzt.
Zicht man alle bisher beschriebenen Eigenschaften des gereinigten Tuberculins in Betracht, dann muss man zu der Annahme gelangen, dass dasselbe zur Gruppe der Eiweiss- körper gehört. Der hohe Aschengehalt und der ungleich- mässige Verlauf einiger Beactionon(Bleiacetat, Essigsäure) lassen indessen vermuthen, dass die Substanz noch nicht in vollkommen reiner Parstellung vorliegt, dass aber et- waige Beimengungen doch nur in sehr geringer Menge vor- handen sein können und vielleicht in Spuren von dem Tuber- eulin ähnlichen Eiweisskörpern und in Mineralstoffen bestehen, welche für die therapeutische Verwerthung des Präparats wohl keine Bedeutung haben. Obwohl das Tuber- kulin den Albumosen am nächsten zu stehen erscheint, so unterscheidet es sich doch von diesen und insbesondere von den sogenannten Toxalbuminen sehr wesentlich durch seine Beständigkeit gegenüber hohen Temperaturen. Auch von den Peptonen weicht es in mehrfacher Beziechung, namentlich durch die Fällbarkeit durch Eisenacetat ab.
Es ist nicht unwahrscheinlich, dass man bei weiterem Suchen unter den Producten der pathogenen Bacterien noch anderen ähnlichen Körpern begegnen wird, die sich als eine besondere Gruppe der Eiweiskörper werden ab- grenzen lassen.
Bei der chemischen Untersuchung des Tuberculins hatte sich die Prüfung der gereinigten Substanz in Bezug auf ihre physiologische Wirkung auf den Versuch an tuber- culösen Meerschweinchen beschsänkt. Nachdem es nun aber gelungen war, den wirksamen Stoff in möglichst iso- lirter Form herzustellen, war es natürlich von grösstem Interesse, zu erfahren, wie derselbe auf die Menschen wirkt, namentlich ob die von uns erwünschten therapeutischen Pffecte des Rohtuberculins bei dem reinen Tubereulin ohne alle störenden Nebenwirkungen eintreten.
Zu diesem Zwecke wurden vorerst einige Versuche an Gesunden angestellt, und zwar an Aerzten, welche sich in dankenswerther Weise dazu bereit erklärt hatten.
Dr. Kitasato erhielt am 24. Juni 1891 Mittags um 12 Uhr 2 mg injicirt. Zur Zeit der Injection betrug die Temperatur 36,5 Grad. Sie stieg bis Abends 8 Uhr auf 38,3 Grad, blieb bis 11 Uhr 38,2 Grad und flel dann ziem- lich schnell. 4 Uhr Nachmittags war Hustenreiz einge- treten, welcher 3 Stunden anhielt. dann folgte etwas Kopf- schmerz, Mattigkeit und Schweiss. Sonst war das Allge- meinbefinden ungestört.(Der Puls stieg von 72 bis 92.)
Dr. A. Wassermanu erhielt am 25. Juni 3 mg in- jicirt. Die Temperatur stieg von 37,2 Grad bis 38,7 Grad im Laufe von 11 Stunden und fiel dann wieder zur Norm. Beim Beginn der Reaction wurde Empfindlichkeit und ziehendes Gefühl in den Brust- und Bauchmuskeln be- obachtet; auch Hitze und Eingenommensein des Kopfes, kein Schüttelfrost.(Puls 80 bis 114.)
Dr H. Maass 13, Juli 4 mg. Die Temperatur geht im Laufe von 12 Stunden von 37,0 Grad bis 39,0 Grad. Die subjectiven Beschwerden bestanden in leichtem Frost und später folgendem Hitzegefühl. Mattigkeit und Kopf- schmerzen.(Puls von 72 bis 100.)
Director Dr. P. Guttmann 23. Juli 5 mg. Die Tem- peratur geht von 36,5 Grad innerhalb 8 Stunden auf 39,2


