15. November.

Thiermedicinische Rundschau etc. 39

durch Znsatz von Natrioncarbonat in Lösung gebracht, noh geine volle Wirksamkeit, aber es ist nicht gelungen, die wirk- same Substanz nun wieder vom Tannin abzuscheiden. Viel- leicht hätten diese Versuche bei weiterer Fortsetzung doch noch Erfolg gehabt, wenn es nicht inzwischen auf einem anderen Wege gelungen wäre, dem Ziele näher zu kommen, wodurch jene Methoden vorläufig in den Hintergrund ge- drängt wurden. Fs war wir nämlich aufgefallen, dass, wenn der Alkohol mit dem Tubereulin in einem sehr viel niedrigeren Verhältniese, wie in deu früheren Versuchen, und zwar in dem Verhältnisse von 2:3 gemischt wird, es nicht zur Ausscheidung der braunen harzartigen Masse kommt, sondern sich ein brauner flockiger Niederschlag bildet, der sich gut absetzt und durch Spüſen mit Alkohol von gleicher Concentration leicht reinigen lässt. Es wird bei diesem Versuch ein Theil Tuberculin(z B. 10 cem) in ein Becher- glas gethan, und unter Umrühren anderthalb Volumtheile (in diesem Falle 15 cem) absoluter Alkohol hinzugefügt, das Glas verdeckt und 24 Stunden stehen gelassen Es hat sich dann in der dunkelbraunen Flüssigkeit ein flockiger Bodensatz gebildet. Die obere Flüssigkeit wird vorsichtig abgegossen, 60 Proc. Alkohol in gleicher Menge zugegossen, umgerührt und wieder zum Absetzen hingestellt. Pies wird so oft, 3 4 mal, wiederholt, bis der über dem Niederschlag stehende Alkohol fast ungefärbt ist, dann wird einige Male mit absolutem Alkohol in gleicher Weise gespült n der Regel genügt dreimalige Spülung), der Niederschlag auf das Filter gebracht, abgesogen und im Vacuumensiccator getrocknet. Pr giebt dann eine schneeweisse Masse, wel- nach dem Trocknen bei 100 Grad(wobei sie 79 Proe. Wasser verliert) in gepulvertem Zustande leicht grau ge- färbt erscheint. Kleinere Mengen des Niederschlages kann man auch auf dem Wasserbade vom Alkohol befreien, ohne

dass sein Aussehen dadurch geschädigt wird, wie es bei

dem mit 100 Proc. Alkohol erhaltenen unreinen Nieder- schlage der Fall war.

Dieser durch Ausfällen mit 60 Proc. Alkohol erhaltene Niederschlag übertrifft alle auf andere Weise aus dem Tuberculin hergestellten Stoffe so sehr an Wirksamkeit und verhält sich bei allen bisher mit demselben angestellten Reactionen so constant, dass man ihn als nahezu rein an- schen kann, vielleicht bildet er schon in Wirklichkeit das vollkommen isolirte wirksame Princip des Tuberculins. Wãhrend von dem 100 procentigen Alkoholniederschlag min- destens 50 mg erforderlich sind, um dieselbe Wirkung zu erzielen, wie mit 0,5 g Tuberculin, genügen von dem procentigen Alkoholniederschlag 10 mg; in mehreren Ver- suchen starben die Thiere schon auf 5 mg, in einem Falle sogar auf 2 mg an ausgesprochener Tuberculinwirkung. Die Ausbeute beträgt etwa I Proe ¹) Berücksichtigt man die Wirkung der gewonnenen Menge im Verhältniss zu derjenigen des verarbeiteten Tuberculins, dann ergiebt sich, dass dem Tuberculin kaum die Hälfte der wirksamen Sub- stanz durch die Fällung mit 60 Proc. Alkohol entzogen wird, und dem entspricht auch die Prüfung des Filtrates, von welchem nach Entfernung des Alkohols und Zusatz von Wasser bis zum ursprünglichen Volumen 0,75 bis 1,0 g sicheren Tödtung eines tuberculösen Thieres erforder- lich ist.

Der 60 procentige Alkoholniederschlag, welchen man vorläufig als gereinigtes Tuberculin bezeichnen könnte, hat folgende Eigenschaften.

Er löst sich im Wasser ziemlich leicht, am schnellsten, wenn er in einer Reibschale mit dem Wasser verrieben wird. EFine derartige Lösung behält indessen nicht sehr lange Zeit volle Wirksamkeit, denn es wurde wiederholt beobachtet, dass sie schon nach ein bis zwei Wochen er-

¹) Die Ausbeute lässt sich leicht steigern, wenn man mehr AlkKo- hol, z. B. 65 70 Proc., dem Tuberculin zuseizt. Pann werden aber nicht allein grössere Mengen des wirksamen Stoffes, sondern auch andere Stoffe mitgefällt und man erhält kein reines Präparat.

heblich an Stärke der Wirkung abgenommen hatte. Be- sonders empfindlich scheint die wässrige Lösung gegen das Findampfen zu sein; sie leidet dabei aber weniger, so lange noch genügend Flüssigkeit vorhanden ist, als gegen Ende des Eindampfens, wenn die Lösung sehr concentrirt wird; es scheiden sich dann gerinnselartige Flocken aus, welche auf Wasserzusatz sich nicht wieder lösen. Eine Probe des Niederschlags, welche auf dem Wasserbade wiederholt zur Trockne eingedampft und gelöst wurde, hatte schliesslich ihre Wirkung vollkommen verloren. Auch durch längeres Stehen und durch schärferes Trocknen bei höherer Tempe- ratur wird das gereinigte Tuberculin theilweise unlöslich. Anfangs nahm ich an, dass die unlöslichen Bestandtheile dem Fuberculin beigemengte fremde Substanzen seien, wel- che man durch vorsichtiges trockenes Erhitzen, durch Be- handeln mit heissem Dampf u. s. w. ausscheiden könne. Auch dann noch, als sich herausstellte, dass die unlöslich gewordenen Stoffe(wenn sie nicht durch wiederholtes Er- hitzen verändert waren), dieselbe Wirkung wie das Tuber- culin selbst hatten, liess sich immer noch annehmen, dass es sich um coagulirte Eiweisskörper handelte, welche den wirksamen Stoff mit niedergerissen haben konnten. Da es aber gelang durch andere Eiweisstoffe, welche der wässrigen Puberculinlösung zugesetzt und zur Coagulation gebracht wurden, noch durch andere zu diesem Zweck in der Lösung bewerkstelligte Niederschläge das wirksame Princip aus- zufällen, so musste diese Auffassung wieder aufgegeben werden, und ich möchte vorläufig die fragliche Substanz,

da sie die gleiche Wirkung wie das Tuberculin hat, als

eine in Wasser unlösliche Modification des Tuberculins an- sehen.

Wenn das gereinigte Tuberculin nicht sehr sorgfältig hergestellt und aufbewahrt wird, enthält es immer eine ge- ringere Menge dieser unlöslichen Substanz, und man er- hält keine ganz klare Flüssigkeit beim Auflösen. Der Zu- satz einer geringen Menge von Natriumcarbonat bis zur deutlich alkalischen Reacfion genügt dann aber in der Re- gel, um Alles in Lösung zu bringen.

Lösungen des reinen Tabereulins in Glycerin 50 Proe. sind dagegen sehr haltbar. Eine von mir seit vier Monaten bewahrte Lösung hat sich bis jetzt unverändert wirksam gehalten. Wenn die Lösungen einen Glyceringehalt von einigen Procent haben, kann man sie auch wiederholt ein- dampfen und wieder lösen, ohne dass sie dadurch geschä- digt werden. Selbst sehr hohe Temperaturen verträgt das Tuberculin, wenn die Lösung desselben stark glycerinhaltig ist. So wurden mehrere Proben im Autoklaven stunden- lang auf 130 Grad, selbst bis zu 160 Grad erhitzt, ohne dass ihre Wirkungsfähigkeit merklich dadurch herabgesetzt wurde. ²) Pas Glycerin spielt somit für das Pubereulin eine sehr wichtige Rolle als éonservirendes Mittel.

Fertigt man eine concentrirte Lösung des möglichst sorgfältig gereinigten Tuberculins an, und giesst dayon einige Cubikcentimeter in absoluten Alkohol, dann entsteht nicht, wie man erwarten sollte, sofort ein Niederschlag, sondern eine ganz schwache Opalescenz. Der Alkohol kann dann Wochen lang stehen, ohne dass sich dieses Aus- schen ändert, und ein Niederschlag sich absetzt. Das ge- reinigte Tuberculin ist also in Alkohol nicht vollständig unlöslich. 80 procentiger Alkohol kann schon ziemlich viel davon aufnehmen, 60 procentiger Alkohol beträcht- liche Mengen, Wie kommt es nun aber, dass das Tuber- eulin aus der ungereinigten Flüssigkeit durch Alkohol ge-

²) In einem vom Professor Pfuhl angestellten derartigen Ver- suche wurden zu gleicher Zeit Proben: 1) von Rohtuberculin, 2) von wässricher Lösung und 3) von 50 Proc. glycerinhaltiger Lösung des gereinigten Tuperculins 2 Stunden lang im Autoklaven einer Tempe- ratur von 160 Grad ausgesetzt, und dann entsprechende Mengen da- von tuperculösen Thieren inzicirt. Nur das Thier, welches die wässeriche Lösung erhalten hatte, blieb am Leben; die beiden anderen mit Rohtuberculin und glycerinhaltiger Lösung des gerei- nigten Tuberculins injicirten starben nnd zeigten ausgesprochene Tuberculinwirkung.