32 Thiermediceinische Rundschau ete.

1891. No. 3.

muss es um so zwingendere Aufgabe sein, das EFintreten derselben zu verhüten, die Krankheitsursache zu erkennen und unschädlich zu machen. Aber im weitesten Sinne muss diese Aufgabe erfasst werden; nicht auf die Ver- hütung der Infectionskrankheiten allein, und dieser nicht durch sanitätspolizeiliche Massregeln allein bezieht sie sich. Man muss in dieser Auffassung viel weiter gehen, auch die Heilwirkung gewisser specifischer Mittel ihr unter- ordnen. So ist die Behandlung der Malaria mit Chinin allem Anscheine nach als eine ätiologische anzusehen. Die schon vorhandenen Veränderungen in den Blutzellen, in der Milz werden durch das Chinin nicht geheilt, aber die Plasmodien der Malaria werden in irgend einer Weise zum Absterben gebracht, und dann kann der krankhafte Process zur Heilung kommen.

Keineswegs unberechtigt erscheint die Hoffnung, dass eine nähere oder fernere Zukunft auch bei manchen andern Infectionen eine solche Vernichtung der eingedrungenen Krankheitserreger durch specifische Mittel kennen lernen werde. Nach der Vernichtung der Erreger kann dann der Naturheilprocess die weitere Heilung der schon gesetzten Störungen vollführen. Möglich, dass dieser Fortschritt durch Zufall sich vollziehen wird, wie es bei dem Chinin und der Malaria, dem Salicyl und Rheumatismus geschah. Indessen ist auch voller Grund zu der Annahme vorhanden, dass methodisches Forschen hier erfolgreich fördern wird. Die fruchtbaren Untersuchungen zahlreicher Arbeiter der Gegenwart lassen Grosses erwarten Und wenn auch der Kampf der Meinungen noch hin und her wogt, wenn auch das bis jetet Erreichte nur auf die Erkrankungen bei Thieren sich bezieht, kein innerer Grund steht entgegen, dass dieselben Resultate nicht auch für den Menschen er- reicht werden sollten.

Die einschlägigen Bestrebungen der Gegenwart be- wegen sich in dreifacher Richtung: bakterielle Erkrankungen, welche schon in die klinische Erscheinung getreten sind, zu heilen; Infectionen noch im Incubationsstadium unschäd- lich zu machen: eine Infection überhaupt zu verhüten. Das letztgenannte Ziel ist das weitgehendste. Es kann auf zwiefachem Wege erreicht werden: durch sanitäre Schutz- maassregeln gegen Seuchen und durch Immunisirung des Einzelorganismus, deren unvergleichliches Vorbild die Schutz- blatternimpfung ist. Die künstlich durch Schutzimpfungen zu bewirkende Immunisirung, deren wissenschaftliche Grund- principien sind gegenwärtig im regsten Flusse der Forschung begriffen. Welche günstigsten Resultate sie aber auch er- reichen möge, praktisch erscheint folgendes klar. Präven- tive Immunisirung wird man, auch im Besitze genügender Verfahren, nur gegenüber denjenigen Infectionen durch- führen, von welchen befallen zu werden für viele Menschen eine erfahrungsgemässe Wahrscheinlichkeit besteht; so ausser bei den Blattern, bei den Masern, vielleicht noch Schar- lach, Keuchhusten, Lungenentzündung, Diphtherie, Unter- leibstyphus; zur Zeit herannahender Epidemien: Cholera, Influenza, Fleck- und Rückfallstyphus. Dagegen ist es mehr wie unwahrscheinlich, dass gegen Hundswuth, Milz- brand, Starrkrampf allgemeine Präventivimpfungen statt- finden werden. Selbstverständlich besteht die Auſgabe der Verhütung und Entfernung der Ursachen in möglichst grossem Unfange auch für die verschiedensten anderen Zustände, nur treten ihre Wirkungen selten so schlagend hervor, wie gegenüber den bakteriellen Infectionen.

Wenn bei der Heilung der krankhaften Processe der Kunst Schranken gezogen sind durch die Unmöglichkeit, die Lebensvorgänge nach Belieben abzuändern; wenn sie auf Grenzen stösst auch bei der Verhütung von Krank- heiten, so ijst damit ihr Leistungsgebiet doch noch nicht erschöpft. Noch bleibt ihr eine ausserordentlich bedeutungs- volle Thätigkeit übrig: die Behandlung von Krank- heitssymptomen. Die unabsehbare Zahl pharma- ceutischer Präparate dient überwiegend gerade diesem

Zwecke; in zahlreichen Fällen ebenso die Anwendung der Brunnen- und Badekuren, der Elektricität und vieler anderer therapeutischer Hilfsmittel. Man unterschätze die Wichtigkeit dieses Theiles der Kunst nicht. Für den Leidenden ist es oftmals ohne jede Bedeutung, ob diese oder jene anatomische und functionelle Veränderungen be- stehen; nur keine Empfindung will er von ihnen haben, nicht gestört werden durch sie in seiner Leistungsfähigkeit, nicht verkürzt in seiner Lebensdauer. Die symptomatische Behandlung allein ermöglicht oft die natürliche Heilung; sie bringt über lebensgefährliche Episoden im Verlaufe der Krankheit fort. Und Niemand, welchem das zielbewusste Handeln des Arztes einen theuren Menschen erhalten hat, wird gering denken von der Behandlung der Symptome. Hierin ist die Heilkunst nicht nur ausserordentlicher Fort- schritte fähig, sondern sie macht dieselben auch thatsäch- lich und in hocherfreulicher Weise. Während Griesinger noch vor dreissig Jahren klagte, wie hilflos der Arzt der Gluth des Fiebers gegenüberstehe, kann man heute dank der Entwickelung der Kaltwasserbehandlung und einer grossen Reihe höchst energischer Fiebermittel einen Typhus- kranken dauernd fast auf norwaler Körpertemperatur er- halten. Die letzten Jahre haben zahlreiche Schlafmittel und Antiseptica, Pilocarpin und Coeain und vieles andere gebracht; ebenso fruchtbar ist die Gegenwart in der Ein- führung symptomatischer Heilverfahren. Ueberall reges Leben, frisches Arbeiten! Und bei alledem mahnt jedes Menschendasein, welches vorzeitig zum Abschlusse kommt, jeder einzelne in seiner Lebensbethätigung durch Siech- thum Beschränkte: hier sind die Grenzen der ärztlichen Kunst. Gewisse Schranken wird sie auch niemals auf- heben, höchstens weiter hinauszuschieben vermögen.

Ein weiterer allgemein interessirender Vortrag war derjenige des Herrn Prof. Ebstein aus Göttingenüber die Kunst das menschliche Leben zu verlängern. Derselbe führte etwa ſolgendes aus:

PTrotz alles modernen Pessimismus wohnt den Menschen der Wunsch inne, möglichst lange und möglichst rüstig zu leben, und es ist die Aufgabe der ärztlichen Wissen- schaft, diesem allgemeinen Wunsche gerecht zu werden. Im Eingange seiner Betrachtungen erörterte der Vortragende die Ftage von der Durchschnittsdauer des Lebens, welche in Europa gegenwärtig 30 35 Jahre beträgt. Sodann ging der Redner auf die Frage der Sterblichkeit in den verschiedenen Lebensaltern und bei den verschiedenen Ge- schlechtern und Völkern ein. Ueberall ist die Sterblich- keit im ersten Lebensjahre die stärkste; sie nimmt mit jedem Jahre ab, um mit der Zeit der Pubertät auf das Mindestmass herabzusinken. Sie steigt alsdann allmählich wieder hinan bis an das fünfeigste Lebensjahr und erreicht ihre grösste Höhe mit dem achten Lebensjahrzehnt. Und dass es immer sich so verhalten, dafür bürgt das Bibel- wortUnser Leben währet siebzig Jahre, und wenn es hoch kommt, achtzig. Dieses natürliche Lebensende er- reichen nur wenige Menschen. Es ist aber eine Aufgabe der modernen Mediein, möglichst vielen Menschen die Ge- währ eines langen Lebens zu verschaffen. Mit Lebens- elixiren ist nichts in dieser Hinsicht auszurichten. Vielmehr muss die Verlängerung des Durchschnittslebens durch ver- nunftgemässe Lebensweise angestrebt werden. Es ist in hohem Masse bedauerlich, wenn selbst hervorragende Menschen, Männer der Wissenschaft, wie Brown-Sequard, wieder auf den Gedanken verfallen, Tränke und Mittel zur Verlängerung des Lebens und seiner Functionen zu ersinnen. Natürliche Dspositionen werden immer eine grosss Rolle dabei spielen, wenn man alt werden soll. Gut ist es, wie William Temple sagt,glücklich geboren zu sein. Pamit ist also eigentlich gesagt, dass die Erfüllung der Be- dingungen für die Erreichung eines langen Lebens grossen- theils ausserhalb des Bereiches unseres eigenen Thuns liegt. Wir sind nicht in der Lage, diese Vorbedingungen,