1. November.
Thiermedicinische Rundschau etc.
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zurück. In den allermeisten Fällen sind diese der thera- peutischen Beeinflussung sowohl, wie der Rückbildung überhaupt entzogen, ausser gelegentlich einmal einer mechanischen Massnahme oder dem Messer des Chirurgen. Eine acute Brustfellentzündung ist heilbar, ihre Residuen sind es nicht mehr. Die Stoffverwechselanomalien, welche zur Bildung von Nierengries führen, können im Beginne peeinflusst werden; den fertiggebildeten Stein kann nur der Chirurg entfernen. Die Mögſichkeit therapeutischer Beein-
flussung wird in vielen Fällen bestimmt von der Oertlich-
keit des Processes; ferner auch von dem Umstand, ob die
Krankheitsursache plötzlich oder allmählich einsetzte, mit
grosser Intensität oder nicht. Felche sonst unfehlbar tödtet, wird von dem gewohnheits- mässigen Arsenikesser ertragen. Die Cholera rafft von zwei
Dieselbe Menge Arsenik,
gleichconstituirten Persönlichkeiten die eine im stürmischen
Verlaufe dahin, die andere kommt mit einem leichten Krankheitsanfall davon. krankung, wenn ihre Ursachen ohne Unterbrechung fort- wirken. Die Malaria führt zu untilgbarem Siechthum, wenn der Infieirte den vergifteten Sumpfboden seines Wohnortes nicht verlässt. Ein Bronchialcatarrh bleibt
Stationär und zieht schliesslich die Lunge in Mitleiden-
Unheilbar wird sodann eine Er-
Allerdings kann man durch Zuführung gewisser Sub- stanzen Aenderungen in bestimmten Zellen veranlassen, die sich, wenn auch ihrem Wesen nach unbekannt, durch physiologische Pffecte äussern. So wirken viele Alkaloide, wirken Alkohol, Aether, Chloroform, ferner Brom, Curare, Digitalis u. a. m. direct auf bestimmte Zellengruppen, Ner- ven- und Muskelfasern ein; Pilocarpin, Arsenik, Jod auf bestimmte Drüsenzellen; Phosphor auf die Wachsthums- vorgänge im Knochen. Analysirt man jedoch die bis jetzt bekannten Fälle, so ergiebt sich, dass Brom die Entladung epileptischer Anfälle für eine beschränkte Zeit hemmt, aber nicht die Vorgänge im Centralnervensystem entfernt, welche ihre Entstehung veranlassen. Alkohol in gemessener Gabe errregt vorübergehend die Thätigkeit des Gehirns, des Herzens, heilt aber nicht einen einzigen pathologischen Zustand, dessen Vorhandensein die Alkoholdarreichung noth- wendig machte. Morphium bändigt den Schmerz der Neuralgie, hebt aber nicht die demselben zu Grunde liegende Veränderung auf. Am ehesten scheinen noch
Wirkungen, wie die des Jod bei gewisssen Erkrankungen einer wirklichen, durch das Mittel selbst herbeigeführten
schaft, wenn der Befallene beständig etwa dem Einflusse
einer stauberfüllten Atmosphäre ausgesetzt bleibt. Bei gleicher Plötzlichkeit und Energie der Krankheitsursache, bei gleicher Ausdehnung des örtlichen Processes entscheidet sehr häufig das Moment der individuellen Widerstauds- fähigkeit, der besonderen Constitution den Ausgang; die-
selbe Lungenentzündung überwindet der kräftige dreissig-
jährige Mann, welcher der Greis, der Trinker, der durch Entbehrungen,
vorausgegangene Leiden Heruntergekommene erliegt. End-
durch ein ausschweiſendes Leben oder
lich crimen non est artis sed aegroti, mit diesem Satze bezeichnet Nothnagel jene Fälle, in welchen die richtigsten
Massnahmen auch bei recht gut heilbaren Zuständen nicht an das Ziel bringen, weil der Kranke sie nicht ausführt oder ausführen kann. Alle Behandlung vermag den Raucher nicht von seinem Rachencatarrh zu pefreien, so lange er bei seiner Gewohnheit verharrt. Ganz besonders kommen diese Gesichtspunkte bei der zu einer Geisel unseres Zeit- alters herangewachsenen Nervosität und Neurasthenie in Betracht. Einsichtslosigkeit und Willensschwäche hindern hier oft die sehr wohl mögliche Heilung, öfters freilich auch die Gewalt äusserer Umstände, der Zwang des Be- rufes ete.
So trübe die Aussichten sind, die Nothnagel hier er- öffnet, so erkennt er doch an, dass alle Krankheilen, die nicht unter eine der angeſührten Categorien fallen, heilbar sind oder dass deren Heilbarkeit nur eine Frage der Zeit ist. So auffallend es beim heutigen Stande der Mediein klingen mag, so hält er die Möglichkeit dereinstiger Heil- barkeit der bösgrtigen Geschwülste nicht für ausgeschlossen.
Die eigentliche Heilung, die Rückkehr Frankhaft ver- änderter Functionen und Gewebe zur Norm werde in ihrem Wesen nur durch die Lebensvorgänge im Organismus her- beigeführt. Da sei die Beantwortung der Frage, bis zu welchem Grade die Heilkunst im Stande sei oder sein werde, diese Vorgänge zu beeinflussen, entscheidend dafür, ob sie die Grenzen ihres Könnens erweitern wird. Und wenn sich ergiebt, dass sie dies gar nicht, oder nur in beschränktem Umfange vermag, dann erhebt sich die weitere Frage, ob sie verzweifelnd entsagen muss, oder ob ihr noch andere Möglichkeiten offenstehen, um ihrer hohen Aufgabe nachzustreben. Gewissen pathologischen Gescheh- nissen werde auch die vorgeschrittenste Wissenschaft macht- los gegenüberstehen. Niemals werde man verlorengegaugene Zellen neubilden oder getrennte zusammenwachsen lassen, niemals die Vorgänge, welche in den Ganglienzellen und Associationsbahnen bei den hallucinatorischen Vorstellungen ihr wilde Sspiel treiben, unmittelbar beeinflussen.
Heilung zu entsprechen. Aber das letzte Ergebniss der ärztlichen Kunst bleibe doch immer, dass die Rückbildung des krankhaften Zustandes im eigentlichen Wortsinne durch den Organismus selbst geschieht. Ob ein Gedankengang wie der von Robert Koch bei seinen Tuberculinforschungen eröffnete, diesem Ziele zuführen werde, muss erst die klinische Erfahrung lehren. Vielleicht werde die Heil- kunst auf diesem Wege Fortschritte machen. Vorderhand müsse man, je mehr die ärztliche Einsicht sich vervoll- vollkommnet, desto eindringlicher verstehen lernen, dass der Arzt nur der Diener der Natur sei, aber nicht ihr Meister.
Wenn nun auch die Aussichten und die Möglichkeit, das Wesen der krankhaften Processe zu beherrschen, so beschränkte sind, so ist die Heilkunst noch keineswegs zum müssigen Zusehen, zum unthätigen Gehenlassen ver- urtheilt. Kann die Kunst die Natur nicht meistern, so folge sie ihr treu beobachtend. Die Wahrung dieses Grundsatzes verbürgt einen wirklichen Fortschritt, sie liefert den Schlüssel zu dem Geheimniss des Erfolges der wahr- haft grossen Aerzte. Die Entstehung der krankhaften Ver- äuderungen genau zu erforschen, festzustellen, durch welche Vorgänge und unter welchen Bedingungen der Organismus die Störungen am leichtesten überwindet oder ausgleicht, wenn möglich in zweckmässiger Weise diese Vorgänge und Bedingungen zu unterstützen und nachzuahmen, vor allem nicht zu schaden, das ist der Weg, auf welchem die Heilkunst Bedeutendes und Gutes vollbringen kann. Die Geschichte thut unwiderleglich dar, dass genau paraliel mit der Ausbildung der wissenschaftlichen Erkenntniss- methoden auch das praktische Können am Krankenbett fortschreitet. Die Medicin von heute erreicht, ohne auch direct den krankhaften Zustand heilen zu können, aus- schliesslich durch die Befolgung der genannten Grund- sätze unvergleichlich günstigere Resultate als ehedem. Sie hat vor allem gelernt, nicht störend in den Ablauf der natürlichen Ausgleichungen einzugreifen; sie sucht im Gegentheil durch diätetische, hygienische, klimatische Ein- flüsse, hier durch Fernhalten von Reizen. dort durch me- thodische Anregung des Stoffwechsels des Nervensystems, den Organismus in die Lage zu setzen, die pathologische Störung zu überwinden, die sorgfältige, den verschiedensten Zuständen auf Grund gewissenhafter Naturbeobachtung und erweiterter Erkenntniss der Krankheitsvorgänge angepasste, immer feiner ausgebildete Unterstützung der natürlichen Ausgleichungen und Anpassungen— das ist einer der Wege, auf welchen die Heilkunst wandeln muss, um ihr Leistungsgebiet zu erweitern. In der Erkenntniss, dass be- reits entwickelte pathologische Vorgänge nur unvollkommen oder garnieht durch die Kunst beeinflusst werden können,


