15. October. Thiermedicinische
Rundschau ete.
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— 64. Versammlung deutscher Naturforscher und Aerzte zu Malle a. S. Dem ersten einleitenden Vortrag über ein allgemein interessirendes Thema, welchen Geh.
Rath Dr. Nothnagel aus Wien„über die Grenzen der Heilkunst“ hielt, entnehmen wir folgende Aus-
führungen:
Derselbe wies darauf hin, dass Krankheit und Tod, Schuerz und körperliches Ungemach das Frbtheil des duldenden Menschengeschlechts sind Der mächtige Trieb
heisse Wunsch nach voller Gesundheit stehen ihnen gegen- über, und dem Vorhandensein dieser Gegensätze verdanke die Heilkunst ihren Ursprung. Mit der Thatsache des Todes an sich hat die Menschheit sich abgefunden, Niemand
stellt heute noch an die Medicin die Anforderung, ihn auf- zuheben. Freilich, warum wir sterben wüssen, warum auch
bei dem gesundesten Leben die Maschine unseres Organis-
Ueberlegung sich Rechenschaft zu geben von dem Prreichten nicht nur, sondern auch von dem Erreichbaren.
Krank sein ist Leben unter veränderten Bedingungen“ definirte Virchow. Was heisst dann heilen? Pathologische Vorgänge im Organismus derartig beeinflussen, dass die- selben zum Stillstand gebracht, die veränderten Gewebe, die gestörten Functionen zur Norm, verschobene Wechsel- bezichungen zwischen den einzelnen Geweben, Functionen
und gamen Organsystemen wieder in das gesunde Ver- zum Leben, das Streben nach einem leidfreien Dasein, der
mus nach achtzig, hundert Jahren ihre Thätigkeit einstellt,
das seien Fragen, welche die Wissenschaft nur unvoll- geschickte Annäherung der getrennten Flächen und die
kommen beantworten kann. Stoffwechsel-Vorgänge irgend welcher Art, die in den Zellen, in den Organen allwähliche, deren lebensnothwendige Leistungen abschwächende Aende- rungen herbeiführen, seien die Ursache. Aber das eigent- liche Wie und das letzte Warum ihres vernichtenden Ein- tretens hart noch der Aufklärung.
Stehen wir dem Tode als einem unwandelbaren Natur- gesetz machtlos gegenüber, so ist das Verlangen um so begreiflicher, das endliche Aufhören des individuellen Da- seins bis an die äusserste mögliche Grenze hinauszuschieben. Dass Krankheiten das Leben nicht vorzeitig beenden, dass die mit den Krankheiten verbundenen oder ihnen folgenden Störungen und Beschwerden beseitigt oder gemildert werden, dies sind die Anforderungen, weſche man an die Medi- ein stellt.
„Ihr studirt die gross' und kleine Welt, um es am Ende gehen zu lassen, wie's Gott gefällt,“ so charakterisirte
Und das„Ignorabismus“ eines der gefeiertesten Natur- forscher der Jetztzeit, mit welchem wir den letzten Räthseln der Körperwelt gegenüberstehen, gilt heute auch noch für
hältniss zurückgeführt werden— das heisst heilen.
Wie weit die Kunst dies zu leisten im Stande ist, dafür führt der Vortragende als Paradigma eines der be- kanntesten Vorkommnisse an: Die Continuitätstrennungen durch äussere Gewalt, zufällige sowohl wie absichtliche operative. Dieselben sind, wie man weiss, heilbar, mögen sie welche Gewebe immer, Haut, Muskeln, Knochen, Nerven- stämme, innere Organe betreffen. Aber die Leistung der Kunst hierbei beschränkt sich auf die technisch möglichst
Fernhaltung alles dessen, was auf den Heilungsvorgang
Schädlich einwirken könnte; auf den letzteren selbst jedoch, auf die organische Wiedervereinigung des Getrennten ist
sie ohne jeden Einfluss Das Austreten der plasmatischen Lymphe, die Wachsthums- und Regenerationsvorgänge in
den Zellen der verletzten Gewebe geschehen ohne jedes
Zuthun von ärztlicher Seite. Wohl staunt man über die riesenhafte Ausdehnung des Gebietes, welches die Chirurgie seit Lister erobert hat, und segnet die grosse Gedanken- that des Mannes, welche es ermöglicht, Zahllosen durch die Ausführung operativer Eingriffe das Leben zu erhalten, die Gesundheit wieder zu geben. Und doch besteht der dadurch bedingte Fortschritt nur darin, dass das jetzt unter dem Schutze der Antisepsis erlaubte chirurgische Vorgehen, ohne als solches zu schaden, die Möglichkeit schafft, dass ein krankhafter Process heilen könne Aber diese Heilung
e1 80( Selbst geschieht durch Vorgänge, welche der Machtsphäre mephistophelischer Spott der Medicin wirkliches Könneyn.
die wissenschaftliche Erkenntniss zahlreicher Fragen in der
thcoretischen Mediein. Aber der tausendfach gestaltete
Jammer des Lebens ist da, in der Stunde der Gefahr ruft
der Kranke nach Hilfe, begehrt der Leidende Linderung. Wie weit erfüllt da die Heilkunst die an sie gestellten An- forderungen?
des Arztes entrückt sind. Selbstverständlich ist der ausser- ordentliche praktische Werth des verbesserten operativen Könnens, welches unsere chirurgischen Meister ausgebildet haben damit nicht angetastet, und für den Kranken ist diese Unterscheidung im Grunde auch bedeutungslos, nicht aber für die wissenschaftliche Auffassung der Sache. Das Heilen in dem Sinne, dass die ärztliche Kunst die dasselbe
vollbringenden organischen Vorgänge beherrscht, ist auch
Wo sind ihre Grenzen gesteckt und wodurch werden
dieselben bedingt? Welche Aussichten hat sie für eine fortschreitende Erweiterung ihres Leistungsgebietes?
Die Thatsache, dass die praktische Heilkunde seit alt entstandenen Continuitätstrennungen, ebenso steht es
einem Jahrhundert, besonders in der letzten Hälfte desselben
erfreuliche und grosse Fortschritte gethan hat, liegt klar
Der Ausbau der Dermatologie, der glänzende Aufschwung der Augenheilkunde, die Neuschaffung der Laryngologie, die staunenerregende Entwickelung der ope- rativen Chirurgie und Gynäkologie, auf dem Gebiete der inneren Medicin die Einführung einer Reihe wirksamer Arzneisubstanzen und der physikalischen Heilmethoden, und ferner die Betonung Physiologiecher, diätetischer, hygienischer Factoren verschiedenster Art— sie alle haben sich in dieser Epoche zum Theil vor den Augen der Zeit- genossen vollzogen. Und als zu der unsterblichen That Lister's die Entdeckung Pasteur's über die Heilbarkeit der grauenmollen Hundswuth sich gesellte, als vor Jahresfrist die Mittheilung Koch's einen fast allgemeinen unermess- ichen Enthusiasmus entfesselte, da konnte sich die Frage aufdrängen: wo sind die Grenzen der Heilkunst? Wohl ist es menschlich gut, eine weitere, immer veitere Aus- dehnung derselben zu hoffen, ist es Pflicht, eine solche zu erstreben. Aber dem Forscher geziemt es, unbeirrt von Empfindungen nur die Thatsachen zu schen, mit ruhiger
vor Augen.
durch den mächtigen praktischen Fortschritt infolge der Antisepsis nicht gefördert worden. Denn eine Geschwulst, einen Abscess kann man heute ebenso wenig wie früher rückgängig machen. Das Herausschneiden, das Oeffnen derselben ist nicht gleichbedeutend mit wirklicher Heilung. Und wie mit den oberflächlichen und durch äussere Ge- mit denjenigen in inneren Organen, aus welchen Ursachen immer sie hervorgegangen seien. Bei einer Geschwürs- fäche im Magen wird gewiss durch eine Reihe ent- sprechender Massnahmen die Heilung insofern befördert, als Schädlichkeiten ferngehalten werden, der Ersatz des Zerstörten jedoch wird durch dieselben nicht geschaffen. Bei dem Bersten eines Blutgefässes und Zertrümmerung der Gehirnsubstanz jst es gewiss nothwendig, durch ge- eignetes Vorgehen Congestionen zum Gehirn zu verringern; aber das Blutgerinnsel bringt keine Massnahme des Arztes fort, die getrennte Nervensubstanz keine zusammen. Ein anderer sehr häufiger Process sind die Entzündungen. Die lange Reihe klinischer Bilder, welche bald acut, bald chronisch in den verschiedensten Organen und Geweben auſtreten und unter der Bezeichnung der Entzündungen zusammengefasst werden, können, wie die alltägliche Er- fahrung lehrt, heilen, die acuten oft, die chrenischen seltener. Bei den acut entzündlichen Processen ist, wie der Vortragende behauptet, kein einziges internes Medi- cament von erwiesenem directen Nutzen; nur indirect kann
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