1. October.
Thiermedieinische Rundschau ete.
des Lebens und der Gesundheit, ein tieferes Verständniss der Natur und Ursachen von Krankheiten werden allmählich, aber sicher Verbesserungen in den Lebensverhältnissen und Verminderung und Abschwächung, wenn nicht gän. liche Vernichtung der Ursachen von Krankheiten herbeiführen, welche früher so schwere Verheerungen angerichtet haben.
Es ist jetzt mehr als je festgestellt. dass die Ursachen, welche Krankheiten bedingen und das Leben abkürzen, in hohem Grade in unseren Händen liegen und dass wir es in unserer Gewalt haben, sie einzuschränken und abzu- schwächen. Vergleicht man die hygienischen Zustände früherer Zeiten mit den jetzigen, so zeigt es sich, dass hierin allmählich grosse Verbesserungen erreicht worden sind: die Häuser sind besser angelegt, Entwässerung und Ventilation sind vollkommener, das Land ist besser an- gebaut und der Untergrund besser drainirt. Die Folge
davon ist, dass eine ganze Anzahl von Krankheiten, welche
früher die Gesundheit der Menschen in der gefährlichsten Weise bedrohten, verschwunden, andere wesentlich seltener und leichter geworden sind und dass die Sterblichkeit abgenommen hat. Fayrer weist dies an einigen Beispielen nach. Die Sterblichkeit an Pocken ist von 1840 bis 1880— 84 von 57,2 auf 6,5 für 100000 gesunken. Die Sterblichkeit an Darmkatarrh ist seit 1869 von 0,39 auf 0,17 pro mille gesunken und es ist nachgewiesen worden, dass die Verbesserung in verschiedenen Theilen Englands gleichzeitig mit der Anlage einer richtigen Entwässerung eingetreten ist. Die Abnahme der Sterblichkeit an Typhus ist eine ganz schlagende und es wurde ebenfalls nach- gewiesen, dass sie in mehr als einer grossen Stadt mit der Verbesserung der hygienischen Verhältnisse parallel gegangen ist. Die Oholera erschien in England zuerst 1831 und herrschte später noch epidemisch 1848/49, 1853/54 und 1865/66, aber die Zahl der Todesfälle wurde bei jedem Auftreten kleiner und obgleich sie seitdem er- schien, so hat sie es doch nie mehr zu einer Epidemie gebracht; dies ist gewiss viel mehr den örtlichen hygieni- schen Zuständen als Massregeln, welche den Verkehr be- schränken, zuzuschreiben.
Trotzdem aber sterben jährlich noch etwa 125 000 Per- sonen an vermeidbaren Krankheiten und man hat in An- betracht der grossen Zahl von Krankheitsfällen, welche auf einen Todesfall treffen, berechnet, dass jährlich 78 ½ Mil- lionen Arbeitstage verloren gehen, entsprechend 7 750 000 Pfund Sterl.(155 Millionen Mark) und dabei sind die Tage, welche infolge von Erschöpfung durch die immer noch viel zu zabhlreichen ungesunden Häuser der Armen verloren werden, noch nicht mit eingerechnet.
Viel ist schon geschehen und vieles davon in der sogenannten präsanitären Zeit, aber viel ist noch zu thun übrig; wollen wir hoffen, dass die Zukunft fruchtbarer an Verbesserungen ist als die Vergangenheit; der inter- nationale Philanthropismus scheint eine Gewähr dafür zu bilden, dass dem so sein wird. Dass die zymwotischen Krankheiten sammt und sonders werden ausgerottet werden, können wir zwar nicht erwarten, aber darüber kann kein Zweifel bestehen, dass wir ihre Häufigkeit beschränken können und dass wir, wenn wir auch nicht im Stande sein werden, das Uebel mit der Wurzel auszureissen, doch den Boden, auf welchem sein Samen ausgesät, so unwirth- lich machen können, dass er unfruchtbar wird.
Der Wirkungskreis der präventiven Mediein beschränkt sich nicht nur auf die Entfernung der Infectionskrankheiten, und auch nicht nur jener Krankheiten, welche das physische Wohlbefinden der Menschen gefährden, sondern er hat sich auch auf die Betrachtung der Mittel und Wege aus- zudehnen, wodurch jene beherrscht und verhütet werden können, welche ihren Grund haben in der durch Arbeit und Kampf ums Dasein herbeigeführten Ueberanstrengung bei den verschiedenen Beschäftigungen, die Politik, Ge- werbe oder Handel mit sich bringen, durch welche Reich- thum und Ruhm oder auch nur ein bescheidenes Aus-
kommen erreicht werden und unter deren Druck so viele erliegen, theils an wirklichen Geisteskrankheiten, theils an Erschöpfung und Zerrüttung des Nervensystems, welche die Quelle vieler Formen von Nervenkrankheiten sind und einen grossen Beitrag zur Zahl jener liefern, welche bei Seite gedrängt und unſähig werden, den im natürlichen und unvermeidlichen Kampf ums Dasein auf sie treffenden Antheil zu bewältigen.
Als weitere derartige Krankheitsursachen weist F. noch besonders hin auf den Hypnotismus, den Missbrauch von Alkohol, Opium, Chloral und anderen Stimulantien und Narkoticis, die Einflüsse falscher Erziehung, die Ueberbürdung in den Schulen, die alle in den Wirkungs- kreis der präventiven Mediein gehören.
Die hygienischen Verhältnisse der grossen Städte sind in den letzten 50 Jahren der Gegenstand gesetzlicher Be- stimmungen gewesen, allein da viele der letzteren nur er- lauben statt zu befehlen, so lassen sie noch manches zu wünschen übrig und es könnte durch sie noch mehr er- reicht werden, als thatsächlich erreicht worden ist. Die sanitäre Verwaltung jedes Landbezirkes ist der Sorge gut qualificirter Gesundheitsbeamter anvertraut und dieses System hat bis jetzt schon vorzügliche Ergebnisse geliefert und wird voraussichtlich noch bessere erzielen. Die Be- richte der letzten 50 Jahre beweisen den EFinfluss der hygienischen Massregeln auf die Lebensverhältnisse. F. führt daher mehrere Beispiele an. So ist die durchschnitt- liche Lebensdauer, welche 1838— 54 bei Männern 39,91, bei Weibern 41,85 Jahre betrug, auf 41,35 bei Männern, 44,66 bei Weibern in den Jahren 1871— 80 gestiegen. Die Sterblichkeit hat stetig abgenommen, sie betrug 1660— 79 = 80, 1746—55= 35,5, 1846— 55= 24,9, 1889= 17,85 pro mille.
Nirgends wohl haben sich die wohlthätigen Einflüsse der hygienischen Verbesserungen deutlicher zu erkennen gegeben, als in Indien während der letzten 30 Jahre. Die Sterblichkeit, welche bei den europäischen Truppen in Indien vor 1859 während einer langen Reihe von Jahren 69 pro mille betragen hatte, fiel infolge gewisser Aende- rungen und Verbesserungen in der Wohnung, Fleidung, Nahrung und Beschäftigung der Soldaten beständig und betrug 1886= 15,18, 1887= 14,20, 1888= 14,84 pro mille, während die Sterblichkeit bei den eingeborenen Truppen, mit welchen die europäischen verglichen werden können, 1886= 13,27, 1887= 11,68, 1888= 12,84 pro mille betrug Auch bei der Civilbevölkerung in Indien haben sich Besserungen erkennbar gemacht.
Die Beobachtungen der trefflichen Gesundheitsbeamten im Gesundheitsamt von Indien haben die wichtige That- sache ergeben, dass die Cholera nur allein durch sanitäre Massregeln verhütet oder vermindert werden kann und dass alle Beschränkungen des Verkehrs durch Quarantäne oder gewaltsame Isolirung unnütz und schädlich sind.
In der präventiven wie in der curativen Medicin ist die Kenntniss der Ursachen das Wesentliche. Gewisse empirische Kenntnisse mögen nützlich sein als Peitfaden, aber ein wirklicher Fortschritt ist ohne die Exaktheit, welche aus sorgfältiger wissenschaftlicher Beobachtung und Schlussfolgerung enfspringt, nicht denkbar; der Geist der experimentellen Forschung ist jetzt der herrschende und daher Fortschritte unvermeidlich. Neuerliche Errungen- schaften in Physiologie, Chemie, Histiologie und Pharma- kologie haben viel dazu beigetragen, auf die Natur und Ursachen der Krankheiten und ebenso auf die Mittel, sie zu verhüten oder zu behandeln, neues Licht zu werfen. Der Werth der wissenschaftlichen Untersuchungen, welche zur Antiseptik geführt haben, kann nicht zu hoch ange- schlagen werden. Hier folgte der Theorie rasch die prak- tische Verwerthung in der Verhütung und Behandlung der Krankheiten, während das Studium der Bakteriologie, welches gegenwärtig so sehr im Vordergrund steht, uns Quellen eröffnet, von welchen aus Ergebnisse von unbe-
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